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4 Nov 2011

Kurban Bayramı oder Das islamische Opferfest

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Als Nasreddin Hodscha einmal auf Reisen war, kam er in ein Dorf und sah mit Erstaunen, dass alle Leute dort aßen und tanzten und fröhlich waren.

„Was für ein gesegneter Ort!“ rief der Hodscha. „Dort, wo ich lebe, haben die Leute kaum etwas zu essen.“

„Eigentlich geht es uns hier genauso“, erwiderte ein Mann. „Heute ist aber ein besonderer Festtag. Dafür hat jeder aus dem Dorf etwas zum Essen aufbewahrt und heute zubereitet. Deshalb haben wir so viel zu essen und zu trinken und freuen uns“.

Darüber dachte Nasreddin Hodscha eine Weile nach und seufzte dann:

„Wenn wir nur jeden Tag so ein Fest haben könnten! Dann wäre jeder so glücklich wie heute und niemand müsste hungern.“

Nasreddin Hodscha hat recht. Eigentlich sollte jeder Tag ein Festtag sein. Jeder Tag sollte die Menschen glücklich machen und ihren Hunger stillen. An jedem Tag sollten alle Menschen gleich gestellt sein und sich auf einer Augenhöhe begegnen können. Wunschgedanken – ich weiß, denn nicht jeder Tag kann Festtag sein. Aber vielleicht kann das Opferfest, das höchste Fest im Islam, seinen Beitrag dazu leisten, dass die Menschen sich einander nähern und der Hunger bei denen, die unter Entbehrungen leiden, wenigstens für kurze Zeit gestillt werden kann.

Beim Opferfest, oder Kurban Bayramı, wird dem Propheten Ibrahim (Abraham) gedacht. Ibrahim ist im Islam der wichtigste Prophet. Er wird als erster Gerechter und Hanif betrachtet, das bedeutet, Ibrahim hat als Erster erkannt, dass es nur einen Allah (Gott) gibt. Er lehnte die Vielgötterei ab und forderte eine sittliche Lebenshaltung. Ibrahim wurde zum Verkünder des Glaubens. Allah schenkte ihm trotz seines hohen Alters noch einen Sohn, Ismail, geboren von der Magd seiner Frau. Ismail war für Ibrahim nicht nur Sohn, sondern er war gleichzeitig die Hoffnung in die Zukunft der Menschen. Doch Allah unterzog ihn einer schweren Prüfung. Ibrahim sollte die Liebe zu Allah beweisen und Ihm seinen geliebten Sohn opfern. Das wertvollste Geschenk, das Allah ihm gab, Ihm wieder zurückzugeben.

In Sure 37, 102-105 heißt es:

Als dieser das Alter erreichte, dass er mit ihm laufen konnte, sagte er: „O mein lieber Sohn, ich sehe im Schlaf, dass ich dich schlachte. Schau jetzt, was du (dazu) meinst.“ Er sagte: „O mein lieber Vater, tu, was dir befohlen wird. Du wirst mich, wenn Allah will, als einen der Standhaften finden.“ Als sie sich beide ergeben gezeigt hatten und er ihn auf die Seite der Stirn niedergeworfen hatte, riefen Wir ihm zu: „O Ibrahim, du hast das Traumgesicht bereits wahr gemacht.“ Gewiss, so vergelten Wir den Gutes Tuenden.

In großer Dankbarkeit opferte daraufhin Ibrahim Allah einen Widder. Diese Sure lässt erkennen, dass es Allah nicht um das Opfer eines Menschen ging, sondern um Abrahams Hingabe zu ihm. Und Ibrahim enttäuschte Allah nicht und gab sich Ihm völlig hin. Kurban bedeutet demnach „sich nähern“. Nicht das Fleisch erreicht Allah, sondern die Ehrfurcht, sein Wohlgefallen zu gewinnen und seiner Liebe näher zu kommen. Die Opfergabe ist daher eine abrahamitische Tradition, die im Islam verpflichtend ist und jeden, der es sich materiell leisten kann, hierzu aufruft.

Wie wird dieses höchste Fest im Islam erlebt?

Schon Tage vor dem Fest spürt man die Vorfreude und Emsigkeit, von der das ganze Umfeld geprägt ist. Auf den Wochenmärkten gibt es ein riesiges Angebot an frischen Waren, denn die Hausfrau stellt an den Festtagen nur das Beste auf den Tisch. Reichhaltig, lecker und liebevoll soll der Tisch gedeckt sein. Die männlichen Familienmitglieder sind in den Tagen vor dem Opferfest eher damit beschäftigt, das Opfertier zu kaufen. So kommt es schon vor, dass die Gärten unserer gesamten Nachbarschaft schon Tage vor dem Schlachtfest von Schafen und Lämmern besiedelt werden. Auch wenn wir Ausländer sind, und daher vom eigentlichen Geschehen nicht betroffen sind, werden wir dennoch von unseren Freunden in die gesamte Vorbereitung mit einbezogen. Es wird vorgekocht, Desserts werden gebacken, die Dame des Hauses und die Kinder werden neu eingekleidet, das Haus wird einmal vollständig umgedreht und gereinigt.

Am Tag des Opferfestes versammeln sich die Gläubigen zuerst in der Moschee zum gemeinsamen Gebet. Erst danach werden die Opfertiere geschächtet. Hierzu kommt bei den meisten ein vertrauensvoller Metzger, der sich des verantwortungsvollen Schächtens bewusst ist, nach Hause. Im Islam unterliegt das Schächten genau festgelegten strengen Regeln. Zur eigentlichen Schlachtung versammelt sich die Familie um das Tier, spricht ein kurzes Gebet und erst dann wird das Tier zur Opfergabe. In manchen Städten gibt es auch öffentliche Plätze, an denen die geopferten Tiere geschlachtet werden. Danach wird das Fleisch nach festgelegten Regeln aufgeteilt. Ein Drittel soll an Bedürftige verteilt werden, ein drittel an Verwandte, Nachbarn und Freunde und nur ein Drittel soll selber verzehrt werden.

Vier Tage dauert das islamische Opferfest. Vier Tage, an denen die Verwandten, Freunde, Bekannten und Nachbarn besucht werden. Vier Tage, an denen das Telefon nicht stillsteht. Vier Tage, an denen der türkische Kaffee, der türkische Tee und die vielen Leckereien kein Ende finden. Und wie bei Nasreddin Hodscha wird gemeinsam gefeiert, gegessen und sich ein frohes Fest gewünscht. Schaut man dann manchmal der Realität der großen weiten Welt ins Auge, wünschte man, es gäbe täglich das Opferfest.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Opferfest.

21 Jul 2011

Ramadan, der Fastenmonat im Islam

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Vier Millionen Muslime leben derzeit in Deutschland. Wir arbeiten mit ihnen, leben Tür an Tür mit ihnen, begegnen ihnen sicherlich täglich auf der Straße, doch was wissen wir über sie? Was wissen wir über ihr Werteempfinden, ihre religiösen Traditionen? Leider zu wenig.

In vielen Religionen, so auch im Christentum und Judentum, gibt es Zeitabschnitte des religiös motivierten Fastens. Während dieser Zeit ist die Demut, die innere Umkehr, die Geduld und der Verzicht auf Nahrung wichtigster Bestandteil der 40-tägigen Übung an Selbstbeherrschung auf dem Pilgerweg zu Gott. Der Fastende hat damit Gelegenheit sich zu reinigen, sein Leben zu ändern, sich zu verbessern und die Beziehung zu Gott und seinen Mitmenschen zu festigen. So verhält es sich auch im Islam.

Der Monat Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender. In diesem Monat hat Gott dem Propheten Mohammed in der „Nacht der Bestimmung“ den Koran in sein Herz geschrieben. Die Offenbarung der Heiligen Schrift durch den Erzengel Gabriel kam erst in der Folge. Die Fastenzeit, die zwischen 29 und 30 Tagen dauert, gehört zu den Grundpflichten eines jeden Muslims. Weitere Grundpflichten sind das islamische Glaubensbekenntnis, das tägliche fünfmalige Gebet, die Almosensteuer und die Pilgerfahrt nach Mekka. Im heiligen Buch der Muslime, dem Koran, wird das Fasten in folgendem Vers vorgeschrieben: “Ihr, die ihr glaubt, euch ist das Fasten vorgeschrieben wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren, damit ihr vielleicht gottesfürchtig werdet.” (2:183).

 

Fasten heißt auch, sich von Abhängigkeiten los sagen

Auf Essen und Trinken von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu verzichten, ist lediglich die einfache Reinigung des Körpers, es wird das Gebot des äußeren Fastens genannt. Hierzu gehört auch, auf das Rauchen und den Beischlaf mit dem Ehepartner zu verzichten. Gleichzeitig soll durch das äußere Fasten ein Gespür für das Leid der Hungernden erlangt werden, das auch dazu beiträgt, dass Arme und Schwache nicht übersehen und erniedrigt werden. Das verantwortliche Miteinander in der Gesellschaft soll dadurch gefördert werden.

Die eigentliche Spiritualität des Fastens ist allerdings die innere Reinigung. Sie verlangt nicht nur Selbstdisziplin, sondern auch viel Geduld. Auf diesem Pilgerweg zu Gott soll der Gläubige sich gänzlich von Sünde freihalten. Dazu gehört, seinen Geist und seine Seele unter Kontrolle zu halten. Reden, Hören und Handeln frei von Sünde, ist das Bestreben, welches den Menschen erhöht. Auch von lästigen Abhängigkeiten soll sich der Fastende lossagen. Dadurch hat er die Möglichkeit zu erkennen, dass er in Wahrheit einzig und allein von Gott abhängig ist. Denn auf diesem Weg zu seinem Schöpfer erkennt der Pilger, wie unwichtig viele Dinge sind, an die man sich gewöhnt hat und getrost zurückgelassen werden können. Um diese Weisungen erfüllen zu können, benötigt der Fastende auch viel Geduld und Beharrlichkeit. Er wartet geduldig auf das Essen nach dem Sonnenuntergang und entsagt den Köstlichkeiten, die der Alltag ihm bietet. Er ist auch geduldig und verständnisvoll seinen Mitmenschen gegenüber. Er stellt sein Ego hinter sich und erweist sich als großzügig, seine Standhaftigkeit hierbei ist mit großer Geduld verbunden. Sie wird zu seinem Antrieb. Denn spätestens am Abend beim Fastenbrechen, kann er sich über seine Geduld erfreuen. Geduld heißt auch Willensstärke und im Koran heißt es:  „Die Standhaften werden ihren Lohn erhalten, ohne dass darüber abgerechnet wird.“ [39:10]

Im Islam wird die Fastenzeit als Pilgerweg zu seinem Schöpfer dargestellt. Auf diesem Weg lässt man Unnötiges zurück und wendet sich mehr dem Gebet und dem Lesen des Korans zu. Durch diese Hingabe erkennt der Fastende nicht nur die Liebe Gottes, sondern auch den Willen Gottes. Es ist eine Möglichkeit der inneren Reinigung und Stärkung, die mit guten Vorsätzen auch nach der Fastenzeit weitergeführt werden kann. Angehalten zum Fasten werden alle gesunden Moslems, die das Pubertätsalter erreicht haben. Ausgenommen von der Pflicht des Fastens sind Kranke, Altersschwache, Schwangere, stillende und menstruierende Frauen. Dies gilt auch für körperlich schwer arbeitende Menschen. Allen, die nur vorübergehend ihrer Verpflichtung nicht nachkommen können, wird empfohlen, dies zu gegebener Zeit nachzuholen oder für jeden versäumten Fastentag dafür einen Armen zu speisen.

 

Das Iftar-Mahl wird zum Mittelpunkt des Tages

Das mit Freude erwartete Fastenbrechen wird bei Sonnenuntergang mit einem Schluck Wasser oder einer Dattel und einem Bittgebet eröffnet.  “O Allah, um Deinetwillen habe ich gefastet und an Dich geglaubt und mit Deiner Versorgung breche ich das Fasten. Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen, des Gnädigen”. Im Mittelpunkt des Iftar-Mahls steht auch die Geselligkeit. Am Tisch trifft sich nicht nur die Familie, sondern Freunde und Nachbarn werden zum Fastenbrechen eingeladen. Viele Moscheen in Deutschland öffnen ihre Türen und laden zum Iftar ein. Für viele Muslime ist es eine Ehre, wenn auch Andersgläubige diesem Aufruf folgen und gemeinsam gegessen wird. Durch dieses Miteinander kann Verständnis und gegenseitige Achtung wachsen und verbinden. Vielleicht bietet die kommende Fastenzeit, die vom 1. August bis 29. August 2011 dauert, für manche Gelegenheit, Missverständnisse auszuräumen, Solidarität zu zeigen, um dadurch wieder Raum für einen Neubeginn zu geben.

 

9 Apr 2011

Brief an einen besorgten Alteisenwarenhändler

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Sayın Hurdacı -

Sehr geehrter fahrender Eisenwarenhändler,

mit großer Überraschung, allerdings nicht unbedingt wohlwollend, habe ich nach meiner Rückkehr in mein heiß geliebtes Domizil festgestellt, dass Sie sich wohl um meine diversen Utensilien, die auf meiner Terasse standen, große Sorgen gemacht haben. Ich kann Ihnen aber versichern, diese Bedenken waren völlig unbegründet.

Natürlich kann ich verstehen, dass Sie sich um meine Gesundheit reichlich Gedanken machten, als Sie den fast neuen Edelstahlgrill auf Ihr Pferdefuhrwerk aufluden. Aber Sie dürfen mir glauben, auch ich mache mir hin und wieder Gedanken über mein leibliches Wohl. Mit diesem gehe ich mitnichten unverantwortlich um, auch wenn ich ab und zu gegrilltes Fleisch und Gemüse esse. Ich achte sehr wohl darauf, dass mein Fleisch nicht zu stark verbrennt und das Gemüse seinen wunderbaren Eigengeschmack beibehält. Dazu verwende ich eine zart gewürzte Marinade, angesetzt in erstklassigem Olivenöl, extra nativ natürlich und aus eigenem Olivenanbau – somit wäre auch der absolut biologische Anbau garantiert. Ihre Besorgnis über meine gesundheitsschädliche Ernährung wäre damit also ausgeräumt. Trotzdem danke ich für Ihre Fürsorglichkeit.

Noch nicht ganz durchschaubar für mich ist, warum Sie meinten, mein Fahrrad ist nicht mehr gut genug für mich. Ich gebe ja zu, es war nicht mehr das aller neueste Modell, es hatte schon weit über 20 Jahre auf dem Sattel, aber dennoch erfüllte es auf wundersame Weise immer noch seinen Dienst. Wir, das Fahrrad und ich, waren nach all den Jahren immerhin ein gut eingespieltes Team. Es bestand eine gewisse gegenseitige Verlässlichkeit, nein, es war mehr, es bestand eine völlig vertrauliche, fast schon intime Beziehung. Dafür, dass es mir so treu ergeben war, pflegte ich sein Äußeres wie eine ältere Dame ihre Hautfältchen. Jeder kleinste Rostansatz wurde kaschiert und poliert, so dass sein Aussehen um Jahre verjüngt wurde. Seinen Sattel habe ich immer wieder aufgepolstert, sämtliche Zahnrädchen und sonstige Gelenke mit Spezialöl behandelt, damit auch eine weitere Fahrt für meinen treuen Begleiter nicht zu anstrengend ward. Doch nun wurde diese innige Zweisamkeit durch Sie jäh unterbrochen. Wie es meinem lieben Drahtesel im Moment wohl geht? Sicher wird er auch mich vermissen, ich zumindest sehne mich nach ihm.

Was mir allerdings noch ein sehr großes Rätsel ist, ist eine weitere Entwendung Ihrerseits. Zu was bitteschön benötigen Sie ein quietschendes, verrostetes, völlig unfunktionelles, zum Teil deformiertes zweiteiliges Gartentürchen? Gut, es hatte keine große Funktion mehr, außer, dass es unliebsamen Besuchern klar machte, stopp, hier beginnt Marias Reich. Diese Tatsache hat Sie allerdings nicht davon abgehalten, dieses schwere Eisenteil aus allen vier Ankern zu wuchten und ebenfalls auf Ihr Fuhrwerk aufzuladen. Wollten Sie mir eventuell klar machen, dass es an der Zeit wäre, eine neue Pforte, vielleicht sogar größer, auf jeden Fall schöner, freundlicher, anzuschaffen? Gut, ich habe auch schon daran gedacht, mich von diesem wirklich nicht mehr zeitgemäßen Teil zu trennen, aber irgendwie hing mein Herz doch an ihm.

Auch wenn ich vielleicht irgendwann einmal mich dazu durchgerungen hätte, ein schönes neues Tor anfertigen zu lassen, hätte ich mich dennoch nicht vom alten getrennt. Es hätte gut in meinen wilden Garten gepasst, als Rankhilfe für den wilden Wein. Ich hätte es noch farblich passend zu meinen Kletterrosen anstreichen können, damit wäre sicher ein weiterer bunter Akzent in meiner grünen Laube gesetzt worden. Nun aber habe ich weder ein Tor noch eine Rankhilfe, vor meinem Haus gähnt ein großes Loch, das geradzu einladend auf jeden Langfinger wirkt.

Da ich annehme, dass Sie sicher aus reiner Fürsorge an meiner Person so bemüht sind, mich vor unnötigen oder gar schädlichen Gegenständen zu bewahren, wird mir Ihr Verhalten etwas erklärbar. Akzeptieren kann ich es allerdings nicht. Vielleicht hätten wir vorher miteinander darüber reden können? Ich mache mir nämlich ernsthaft Sorgen, worauf Sie wohl als nächstes Ihr Auge geworfen haben. Doch hoffentlich nicht auf mein niegel-nagel-neues, aus edelstem Blech gedecktes Hausdach?

Noch eine kleine Information an Sie: gestern kam meine beste Freundin Melek aus Deutschland hier an. Sie liebt es absolut nicht, wenn ihr fremde Personen einfach mein Grundstück betreten. Sie betrachtet es nämlich als ihr Territorium. Gut, sie würde Sie in meiner Abwesenheit sicher einlassen. Aber ich garantiere Ihnen, Sie könnten das Grundstück nicht mehr verlassen. Sie ist nicht nur schnell, sondern manchmal auch raffiniert und hinterlistig, weiblich eben. Ich pflege ihr Gebiss sehr gründlich. Sie erhält nicht nur regelmäßig noch fleischbestückte Rinderknochen, die sie in kürzester Zeit zu Mus zernagt, sie bekommt auch zusätzlich Vitamin D, damit ihre Zähne auch weiterhin kräftig zubeißen können.

Deshalb, in Ihrem Sinne, setzen Sie sich bitte bei weiterer Besorgmis um meine Person vorher mit mir in Verbindung. Wir können mit Sicherheit gemeinsam an einer Lösung unserer Probleme arbeiten.

Cok Selamlar,

Mit hochachtungsvollen Grüßen

Maria

PS: Heute kam ein weiterer Hurdacı bei mir vorbei, ich war allerdings gerade auf einem nachbarschaftlichen Plausch. Nur durch die laute Aufgeregtheit von Melek wurde ich auf ihn aufmerksam und sah, dass er nur noch mit einer halben Hose bekleidet, dafür aber spurtend, mein Grundstück verließ. Ich wollte ihm die zweite Hälfte seiner Hose, die Melek immer noch in ihrer Schnauze festhielt, noch geben, aber er wollte sie nicht haben …….

27 Dez 2010

Olivenernte in Akcay

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Wenn es im Herbst einen Großteil der Touristen wieder zurück an ihre Arbeitsstätten nach Istanbul, Ankara, Bursa oder Izmir zieht, Akcay vom Tumult Abschied nimmt, müssen auch die Einheimischen langsam wieder ihren Alltag aufnehmen. Während der Sommermonate konnten auch sie die Sonne und das Meer genießen, quasi als Stärkung für die bevorstehende Anstrengung. Ab Oktober nämlich beginnt die Erntezeit des grünen und schwarzen Goldes hier in der Gegend. Olivenernte ist angesagt. Zuerst werden die Oliven zum Essen geerntet. Ab Mitte Dezember, wenn die Frucht sich dann dunkel, fast lila, verfärbt, ist die richtige Zeit zur Ernte für das gesunde und feinste Olivenöl.
Da sind viele Helferhände gefragt, bis diese Früchte in leckeren Marinaden, Salzlaken oder als edler Verfeiner von Gerichten zum Gaumenschmaus werden. Millionen von Bäumen harren geduldig aus, bis sie ihrer schweren Last entledigt werden.

Man kann sagen, die gesamte Bucht ist dem Olivenfieber verfallen. Nicht nur der, der einen Olivenhain sein Eigen nennt, oder vielleicht in seinem großen Obstgarten ein paar Olivenbäume stehen hat, lässt sich von dem Fieber anstecken, nein, die ganze Bevölkerung ist in regelrechtem Aufruhr. Denn die Olive ist die Grundlage für eine breite Palette an kulinarischen Köstlichkeiten, ebenso dient sie der Gesundheit, der Schönheit und dem Wohlbefinden.

Die Bewohner eines Olivengebietes verneigen sich ehrfurchtsvoll vor diesem Baum. Mit Respekt und Hochachtung genießen sie doch all seine Qualitäten, die er ihnen trotz seiner Bescheidenheit täglich offenbart.
Große Ansprüche an sein Lebensumfeld stellt der Olivenbaum nicht. Er vertraut dem Himmel, dass dieser ihn ab und zu im Jahr gut tränkt, dass der Bauer nicht vergisst, ihn einmal im Jahr gründlich zu beschneiden und den Boden um seinen Stamm auflockert, damit die Wurzel reichlich Wasser erhält und gut nach unten wachsen kann. Wenn diese Bedürfnisse erfüllt sind, dann belohnt er seinen Pfleger mit einer großen Ernte an besten Früchten.

Diese Früchte zu ernten, ist eine langwierige Handarbeit, möchte man erstklassige Qualität der Produkte erreichen. Viel Arbeitsmaterial dazu ist nicht notwendig. Es genügt eine Leiter, ein sehr großes feinmaschiges Netz zum Auffangen der Oliven, und einen kleinen speziellen Handrechen. Und natürlich den großen Sack, in den dann die Oliven zum Transport verpackt werden.
Jeder Olivenbaumbesitzer wird daher ein Auge darauf haben, dass seine vielen Erntehelfer auch pfleglich das grüne Gold behandeln, damit es nicht an Qualität verliert.

Oliven zu ernten ist zwar Arbeit, aber Arbeit die gleichzeitig entspannt. Für den Körper ist das ständige Bücken anfangs sicher etwas gewöhnungsbedürftig, aber nach den ersten Tagen ist man fit und trainiert. Die Entspannung für Geist und Seele aber dafür um so nachhaltiger. Man bewegt sich den ganzen Tag an der frischen Luft, ist umgeben von Natur pur und nimmt an einer besonderen Art der Geselligkeit teil, die man mit einer Runde um das Lagerfeuer vergleichen kann. Olivenernte ist ein Zusammenspiel zwischen Arbeit und Erholung gleichzeitig. Der Körper wird gefordert und Geist und Seele baden losgelöst in einem See der Entspannung. Wenn man dann abends seine Füße hoch legt, den Tag noch einmal vorbei ziehen lässt, hat man das Gefühl, einen wunderbaren Wellness-Tag erlebt zu haben.

Und der Genuss mit dieser Frucht nimmt kein Ende.

27 Okt 2010

Perlen der Ägäis

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Perlen der Ägäis

Akcay und Güre

Wenn man sich in der Türkei ein Reiseziel aussucht, stößt man beim Stöbern der Prospekte sicher nicht auf Akcay oder Güre an der nördlichen Ägäis, sondern man orientiert sich an der Südtürkei mit ihren vielen Angeboten für Badeurlauber. Die nördliche Ägäis ist für den Pauschaltourismus eher eine verwaiste Gegend. Dafür für den Individualtouristen ein Häppchen der besonderen Art.

Dabei ist die nördliche Ägäis eine wahre Perle, kostbar und edel, geformt von der Natur, wild und doch gezähmt, ein Schatz für den, der sie gefunden hat.
Hier verschmelzen antike Mythen, historische Stätten und landschaftliche Reize mit orientalischer Pracht zu lebendiger Geschichte. Aristoteles, der in Assos seine Schule errichtete, prägte die Gegend genauso wie der Apostel Paulus, der angeblich in Ören eine christliche Gemeinde gegründet haben soll.

Nicht, dass der Mensch durch die Gestaltung der Bauwerke die Schönheit geschaffen hätte, nein, der Baumeister war die Natur sowie die Ururur-Großväter der heutigen Olivenbauern.

Eingebettet zwischen dem mystischen Ida-Gebirge, von dem aus schon die Götter den trojanischen Krieg dirigierten und dem Golf von Edremit liegen Akcay und Güre. Zwei Orte, deren Menschen geprägt sind vom Olivenanbau und der Fischerei. Das gesamte Hinterland nennt man nicht umsonst die Olivenriviera der Türkei. Hier wachsen die besten Früchte des Ölbaumes im ganzen Land.

Für mich ist der Frühling die schönste Jahreszeit. Die Landschaft ist mit einem satten Grün überzogen und die milden Temperaturen laden zu ausgiebigen Bergwanderungen ein. Entlang von kleinen Bächen, vorbei an hohen Wasserfällen, alte osmanische Brücken bewundernd, lässt es sich in einer fast unberührten Natur gut vom Alltag abschalten und die blühende Vegetation bewundern. Meine Freundin, die leider nicht sehr gut zu Fuß ist, wünscht sich jedes Jahr aufs Neue, dass ich ihr Zwiebeln der wilden Tulpe mitbringe. Obwohl ich an ganzen Feldern dieser wunderbaren Blume schon vorbei gelaufen bin, habe ich es noch nicht übers Herz gebracht, Zwiebeln dieser geschützten Tulpe auszugraben und in ihren heimischen Garten zu versetzen. Sie lacht immer nur, wenn ich mit leeren Händen zurück komme, hofft aber gleichzeitig auf meinen Sündenfall im nächsten Frühling.

Wenn ab Juni die Sommerhitze beginnt, sehnt man sich nicht nur nach einer frischen Meeresbrise sondern genießt vor allem die Kühle des Meeres. Jetzt ist das tägliche Freiluftbad angesagt, das man an der gesamten Küste genießen kann.
Aber nicht nur an der Küste. Für mich ist es wie eine Erholung, wenn wir in diesen Monaten zum Baden in die Berge fahren. Von Akcay aus dauert die Fahrt ca. 20 Minuten, um zu den schönsten abgelegenen kleinen Bergseen zu kommen. Hier verirrt sich kein Tourist herauf, hier kann man noch alleine inmitten wilder Natur Entspannung finden.

Akcay und Güre, so klein sie auch sind, bieten dem Sommerfrischler alle begehrten und behaglichen Annehmlichkeiten, die man als Urlauber benötigt. Für Reisende, die kein eigenes Dach über dem Kopf hier haben, gibt es viele Hotels und Pensionen, die alle bemüht sind, dem Feriengast seinen Aufenthalt so bequem und komfortabel zu machen, wie er es gewohnt ist.
Auch die Vertreter des türkischen Gaumengenusses kommen voll auf ihre Kosten. Ob große Restaurants oder kleine Lokantas, alle sind bemüht, die türkische Küche in ihrer Vielfalt anzupreisen. Der Gast ist hier immer noch der König.

An den Promenaden zu flanieren, ist nicht nur ein Muss für alle Besucher, sondern ein interessanter Zeitvertreib, vor allem für europäische Touristen. Was für den Türken selbstverständlich ist, sehen wir Europäer eher als exotisch und ungewöhnlich, vielleicht auch originell.

Man trinkt hier nicht nur seinen Tee oder Kaffee in einem der vielen Teehäuser, knabbert während des Laufens an einem gekochten oder gerösteten Maiskolben, schlotzt an seinem Eis, das durch die Hitze schon über die Finger fließt, holt sich beim Nüsseverkäufer noch schnell warme Nüsse oder Sonnenblumenkerne, der Kenner holt sich noch eisgekühlte Mandeln, lässt sich zwischendurch im Nomadenzelt nieder und genießt ein lecker gefülltes Gözleme, und der Süße kaut sein vor Zuckerwasser triefendes, in heißem Fett gebackenes Lokum, oder kauft beim „Midenen Dostu“, in deutsch – beim Freund deines Magens -, ein warmes hausgemachtes Börek mit diverser Füllung, das er von seinem Verkaufsfahrrad herunter anpreist, wer es etwas trockener liebt holt sich beim Handkarrenverkäufer ein frisches Simit mit viel Sesam, kauft zwischendurch bei den unzähligen Kleinhändlern alles was man braucht oder auch nicht, für seine Schönheit, den Nippes zu Hause, das Silber auf der Haut, die edlen Steine als Heilsbringer oder Schmuck, oder lässt sich vom Naturkundler all seine Heilkräuter erklären, die sämtliche Krankheiten heilen, nimmt sich am Vorbeigehen noch schnell ein neues Haarteil für die lichten Stellen auf dem Haupte mit, natürlich passend zum Farbton der eigenen Haarpracht, und … und … noch viel mehr.
Ich habe mir diesen Sommer einmal die Venus durch ein Spezial-Fernrohr für einen Lire gegönnt. Alles was man sich nur denken kann, ist an dieser Promenade vorhanden.
Jahrelang versuchte ich meiner Tochter auszureden, mit dem Kamel einen Spazierritt zu machen, irgendwann bin auch ich eingeknickt und sie thronte ganz oben, stolz und herrisch ob ihrem Sieg. Und sollte man nicht noch genug all der Vielfältigkeit haben, setzt man sich zum Schluss noch in die rasende, sich ständig im Kreis wirbelnde Tarantella, oder die sich überschlagende Riesenschiffschaukel. Ich behalte meine Magenfreuden lieber bei mir und ergötze mich an dem wilden Kreischen derer, die gerne ihr Essen wiederkäuen.

Und Nachts, wenn die Grillen zirpen und die Trockenheit die quakenden Frösche vertrieben hat, die Luft immer noch heiß im Raume steht, geht man nicht ins Bett sondern vergnügt sich im türkischen Nachtleben. Auch hier ist dem Angebot keine Grenze gesetzt. Ob Disko, Pilspub oder nur ein Spaziergang entlang der Küste, einen Cay in einem der vielen Teegärten oder ob romantisch, mit dem eigenen Lagerfeuer am Meer. Es findet garantiert jeder sein Betthupferl.

27 Mai 2010

Türkische Gastfreundschaft – eine Selbstverständlichkeit

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Die Gastfreundschaft vergesst nicht, denn dadurch haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.

Hebräer 13,2

Ja, so fühlte ich mich, als ich zum ersten Mal Gast in einem türkischen Haus war. Und so fühle ich mich auch heute noch, wenn ich als Gast geladen werde.

Ich erinnere mich noch gut daran, als ich zum ersten Mal vor 25 Jahren die Türkei bereiste. Wir machten eine Wanderung ins bergige Hinterland an der Südküste. Schon von Weitem sahen wir ein einsam gelegenes Haus am Rande einer Schlucht. Wir bemerkten auch, dass vor dem Haus eine Person stand, die ständig mit den Armen gestikulierte, als ob sie jemandem eine Nachricht zukommen ließ, fühlten uns allerdings nicht angesprochen und liefen weiter. Plötzlich hörten wir Rufe und sahen wieder zu dem Haus hinüber. Jetzt erkannten wir, dass es ein Mann war, der uns aufforderte zu ihm hinüber zu kommen. Und wir gingen zu ihm und seinem Haus, denn wir dachten, es wäre vielleicht etwas passiert und er braucht Hilfe. Umso erstaunter waren wir, als er uns freundlich in englischer Sprache begrüßte, willkommen hieß und uns zu einem Tee einlud. Es wurde eine unvergessene Stunde im Kreis einer jungen Familie.

Das ist meine erste Erinnerung an türkische Gastfreundschaft und viele sollten noch folgen.

Wir wandern gerne in den Bergen und wann immer es sich bietet, rasten wir auf diesen Wanderungen in einem Bergdorf. Schon beim Eintritt ins Dorf wird man von den Bewohnern mit einem freundlichen „Hos geldiniz“ (Herzlich willkommen) begrüßt. Und auf dem Rundgang durch das Dorf kommt man schnell mit den Menschen ins Gespräch. Sie sind freundlich, offen, herzlich und bisweilen eben auch neugierig. Eigentlich ist neugierig der falsche Begriff, ich nenne es lieber „Anteilnahme“. Anteilnahme am Leben eines Menschen, eines Gastes. Dazu gehört dann, dass man den Gast gerne erzählen lässt und aufmerksam zuhört. So kann es schon sein, dass aus zuerst einem Gesprächspartner plötzlich mehrere werden, Stühle auf die Straße gestellt werden und von irgendwoher ein Tee gereicht wird. Man hat bei solch einer Gelegenheit den Eindruck, der Gast bereichert ihr Leben, sie gehen mit dem Gast auf eine kulturelle Reise. Und sie schenken ihm ihre Zeit und Zuwendung. Sie teilen Essen und Trinken und geben dem Gast großen Raum in ihrem Leben.

Wie sagt ein türkisches Sprichwort: Je enger die Gassen, desto weiter die Herzen.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich anfangs oft beschämt war über diese Gastfreundschaft. War ich es einfach nicht mehr gewohnt, die Selbstverständlichkeit, als Fremder so unvoreingenommen und freundlich als Gast behandelt zu werden. Keinen störte meine Kleidung. Keinen störte, dass ich vielleicht nicht so perfekt Türkisch sprach. Keinen störte, dass ich eine andere Religion habe, obwohl es am Kreuz an meiner Halskette sichtbar war. Im Gegenteil. Alle freuten sich, dass wir uns in ihrer Heimat niedergelassen haben.

Und das ist auch heute noch so.

Mittlerweile ist unsere Familie kein vorübergehender Gast mehr in diesem Land. Wir werden, obwohl wir noch nicht die türkische Nationalität angenommen haben, als einer von ihnen angenommen. Wir gehören einfach dazu, wie selbstverständlich. Wir sind jetzt „yerli“. Es ist ein Geben und Nehmen, von beiden Seiten.

Auch ich habe viel gelernt. Gelernt, Gäste aufzunehmen ohne zu hinterfragen, den Anderen so anzunehmen, wie er ist. Ich habe gelernt, wieder Gastgeber zu sein. Nicht nur, wenn ich den Gast kenne und ihn vorher einlade. Nein, auch bei mir ist jetzt Jeder willkommener Gast. Wie oft sitzen gerade im Sommer, bei großer Hitze, Leute am Straßenrand um sich auszuruhen, wird an der Straße gearbeitet, fragen Menschen nach einer Wohnung in der Gegend. Keiner geht weiter ohne Wasser oder Tee, etwas Ruhe und ein unterhaltendes Gespräch.

Ein guter Gastgeber zu sein, bedeutet auch, Freunde gewinnen, Vorurteile abzubauen, Vertrauen gewinnen, Vorbild sein.

Dies wurde in mir von einem Volk wieder geweckt, welches es selber oft leider schwer hat, Gast in der Fremde zu sein.

17 Mai 2010

Türkei – Einzug ins Sommerhaus

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“Ich habe fertig” sagte Giovanni Trabattoni bei einer Pressekonferenz, stand auf und ging.

“Ich habe auch fertig”, aber nur den Großputz mit Rundumerneuerung und im Gegensatz zu Trabattoni bleibe ich, denn ich habe mich wieder für die nächsten Monate hier in Güre, einem kleinen Fischer- und Bergdorf, häuslich eingenistet. Den Winter und damit auch Istanbul, habe ich nun endgültig hinter mir gelassen um mich ganz in den Frühling und den kommenden Sommer an der Ägäis zu stürzen.

Zuerst wurde ausgemistet und der dünne Staub weggewedelt, der sich durch die schmalste Ritze Zugang in angeblich sicheres Terrain verschaffte. Ebenso habe ich sämtliches Kleingetier, das es sich die vergangenen Monate hier wohl sehr gemütlich eingerichtet hat, der Natur wieder zurück gegeben. Ich liebe zwar Mitbewohner, aber eben nicht alle. Sie dürfen sich gerne außerhalb meiner vier Wände eine neue Bleibe suchen. Ja, auf dem Gebiet bin ich etwas egoistisch, das hat mich die Vergangenheit so gelehrt und daran halte ich mich.

Entsorgt wurde auch ein gemütlich eingerichtetes Hundebett auf meiner überdachten Terrasse. So wie es aussah, haben hier während der Wintermonate mehrere Vierbeiner ein wohliges Zuhause gehabt. Woher sie die ganzen Zeitungen und Lumpen angeschleppt haben, bleibt ihr Geheimnis und mir die Entsorgung.

Dafür haben wir wieder Neuzugang unter dem Dach. Unser Schlafzimmer liegt im Dachgeschoss. Und genau über unseren Betten wohnen mehrere Vogelpaare, die fleißig damit beschäftigt sind, ihren Nachwuchs zu versorgen. Den Wecker kann ich mir derzeit sparen. Lange bevor der Muezzin zum Morgengebet ruft und die Sonne sich noch hinter dem Horizont versteckt, werden die neuen Mitbewohner aktiv, sehr aktiv sogar. Aber es ist eine angenehme Geräuschkulisse, wir werden die Einflugschneise nicht verschließen, wir werden mit dem Vogelgezwitscher weiter träumen.

Unser Dach hat diesen Winter eigentlich ganz gut überstanden, ich war hochzufrieden mit den Ausbesserungsarbeiten, die meinen Mann jedes Jahr aufs Neue in die Höhe treiben. Bei manchem unserer Nachbarn sah das gänzlich anders aus. Der Winter war wohl recht regenreich. Gefährlich für die Dächer sind dann die wolkenbruchartigen Niederschläge, begleitet mit einem gewaltigen Sturm, der die Dachplatten in sämtliche Richtungen bewegt um dann den Regen durch jedes Nadelöhr ins Innere zu treiben. Wenn das Wasser erst einmal seinen Weg gefunden hat, ist es ein Leichtes, gesammelt in den Wohnräumen sich niederzulassen. Und da hat leider so mancher Nachbar bei seinem Einzug ins Sommerhaus eine böse Überraschung erlebt. Nicht nur, dass Pfützen sich breit machten, die größten Pechvögel mussten sich zum Teil von Ihrer Einrichtung trennen. Das ist dann nicht nur ärgerlich, sondern auch traurig. So hörte man die letzten Tage von allen Seiten „gecmis olsun“, es soll gut vorbei gehen, die Anteilnahme war bei allen groß. Die Dachdecker und Maler haben derzeit Hochkonjunktur.

Des einen Freud, des anderen Leid, wie im richtigen Leben halt.

Aber es gab noch weitaus schlimmere Fälle. So stürmisch wie der Regen von oben kam, genauso turbulent, fast orkanartig, verhielt sich das Meer. Es wühlte sich regelrecht von unten in die ans Meer angrenzenden Gebäude, Wege und Gärten. Unterspülte Wege und Gärten, Gartenmauern, das alles kann man gut ersetzen oder richten, neu bepflanzen. Aber wenn dann das Haus in bester Lage, direkt am Meer, so unterspült wird, dass es teilweise einbricht, dann ist Schluss mit Lustig.

Man hört Stimmen, dass das Meer eben sein ihm genommenes Recht sich wieder zurück holt, gnadenlos. Die Landgewinnung hat schon vor Jahrzehnten begonnen. Man hat die Senken und Mulden trocken gelegt und mit Hüttenbau begonnen. Aus den Hütten wurden kleine Häuser, mittlerweile besiedeln Villen die begehrteste Lage direkt am Meer. Der Mensch wurde eben immer mutiger oder frecher, das Meer zog sich zurück und brauste nur ab und zu kurz auf, hinterließ aber keine nennenswerten Schäden. Bis auf diesen Winter. Nur kurz zeigte die Natur uns auf, wer Herr und wer Diener ist. Es wäre mein Wunsch, würden wir Menschen dies endlich respektvoll akzeptieren.

23 Apr 2010

Kinder sind unsere Zukunft – 23 Nisan

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Heute feierten wieder alle Kinder in der Türkei ihren eigenen Feiertag, heute ist 23 Nisan.

Seit 1920 gibt es diesen türkischen Feiertag, eingeführt von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, ein Tag, der ganz den Kindern gewidmet ist.
Offiziell steht er unter dem Motto: Çocuklarımız geleceğimizdir – Unsere Kinder sind unsere Zukunft. Ein wunderbarer Gedanke.
Diesem schloss sich 1979 auch die UNO an, die den 23. April als Weltkindertag allen Kindern der Welt gewidmet und die Idee von Brüderlichkeit, Freundschaft und Liebe in die ganze Welt getragen hat. Seither heißt er auch “Internationales Kinderfest”.

Dieser Tag, der ein staatlicher Feiertag ist, wird von den Kindern wie auch von den Eltern immer mit viel Freude und Engagement erlebt. In den größeren Städten finden Umzüge oder Veranstaltungen in Stadien statt, die von den Kindern gestaltet werden.

In unserem Dorf wird so ein wichtiger Tag natürlich auch gefeiert. Die Kinder, Eltern, Mitbürger und die Honoratioren trafen sich auf dem großen Veranstaltungsplatz.
Es gab viele Musikvorführungen der Kinder, Tänze der verschiedensten ethnischen Gruppierungen, die Kinder waren dazu in den Originaltrachten gekleidet, die Lehrkräfte lasen verschiedene Geschichten vor und natürlich wurde auch die eine oder andere Rede gehalten.
Es war wieder einmal ein schönes Erlebnis.
Lassen wir die Bilder für sich sprechen.

15 Apr 2010

Abschied und Ankunft

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“Güle güle” oder “Geh mit Lachen”,  sagten meine Nachbarn und Freunde, als ich mich von ihnen und damit auch aus Istanbul verabschiedete. Es wird kein Abschied für immer sein, aber dennoch für die kommenden Monate.

“Hos geldiniz” oder  “Herzlich willkommen”, sagten meine Nachbarn und Freunde hier in Akcay, als wir uns nach langen Wintermonaten endlich wieder sahen.

Abschied bedeutet nicht nur Trennung, Liebgewonnenes zurückzulassen, sondern heißt gleichzeitig auch Aufbruch, sich auf den Weg machen um Neues zu erfahren.
Wir nehmen daher alle unseren Abschied mit “Lachen”, in der Hoffnung auf ein gutes Wiedersehen.

Herzlich willkommen geheißen zu werden, ist mehr als nur eine banale, salopp dahergeredete Floskel. Man spürt dabei die warmherzige Aufnahme oder den Zugang in eine bestehende Gemeinschaft.

Und darauf freue ich mich sehr. Ist es doch nicht selbstverständlich, als Ausländer mit völlig anderem kulturellem Ethos so aufgenommen zu werden.

Da wir uns entschieden haben, in Istanbul nicht mit dem eigenen Auto unterwegs zu sein, sondern uns die öffentlichen Verkehrsmittel genügten, haben wir unsere Rückreise auch mit dem Fernbus angetreten. Wir finden es nicht nur entspannender, sondern auch sicherer, zumindest nach unseren bisherigen Erfahrungen.
Denn wenn etwas in der Türkei funktioniert, und vielleicht sogar besser als anderswo, dann ist es die Personenbeförderung im Nah- und Fernverkehr. Es spielt keine Rolle, ob man sich innerhalb der Stadt bewegt, oder ob man von Dorf zu Dorf fährt, oder gar eine große Reise von West nach Ost oder Nord nach Süd antritt. Man kommt immer und überall weiter. Und oft ist solch eine kurze oder lange Reise auch noch unterhaltsam – für mich zumindest.

In der Vorsaison ist es noch nicht nötig, sich schon eine Woche vor Antritt der Reise ein Billett mit Sitzplatzreservierung zu kaufen, während der großen Reisewellen, zu Ferienbeginn oder an Feiertagen, ist die Reservierung allerdings ein absolutes Muss. Da sind alle Reisebusgesellschaften ausgebucht.

So traten wir, bepackt mit Koffern, Taschen, Laptops und mehreren Handgepäckstücken unsere Reise an. Aber wir waren nicht die einzigen, die mit so viel Gepäck unterwegs waren. Im Gegenteil. Die Türken sind es gewohnt, mit sämtlichem Hab und Gut auf Reisen zu gehen. Oft verstaut in Kisten, Schachteln und Tüten, mal mehr oder weniger gut verschnürt, was dann des öfteren zu unangenehmen Überraschungen führen kann, wenn zum Beispiel die Kleidertasche plötzlich mit Olivenöl durchtränkt ist. Oder über den Koffer feinste getrockenete Tarhana-Suppe rieselt. Auch wenn manch ein Reisender dann fast dem Herzinfarkt nahe zu schimpfen beginnt, kommt bei mir eher die in der Türkei gelernte Gelassenheit zum Vorschein, denn ändern kann ich es ja doch nicht mehr.

Die achtstündige Busreise verlief sehr ruhig. Während der Fahrt wird man gut mit Getränken, warm oder kalt, und Knabbereien versorgt. Der Reisebegleiter, immer vorbildlich gekleidet – man könnte meinen, er geht anschließend in die Oper – höflich und zuvorkommend seinen Gästen gegenüber, ist immer bemüht, jeden Wunsch sofort zufrieden zu stellen.
Damit das ganze Unternehmen etwas kurzweiliger für die Gäste wird, sind in allen Fernreisebussen TV-Geräte eingebaut. Unser Bus hatte sogar den Luxus, dass jeder Gast seinen eigenen Bildschirm vor sich hatte, mit einer riesigen Auswahl an Musik und Filmen. Auch ich habe mich eine Stunde zu dieser Unterhaltung hinreißen lassen und habe mir das Nachmittagsprogramm eines türkischen Privatsenders angeschaut. Ein junger Student musste für seine kritischen Gäste ein mehrgängiges Menue kochen. Dass dabei einiges schief lief, am Schluss sämtliche Teller fast unberührt wieder in die Küche wanderten und der arme junge Mann sich der Kritik seiner Gäste stellen musste, führte bei mir zu manchem unkontrollierten lauten Lacher, der wiederum von sämtlichen Busreisenden mit einem ermahnenden Blick zu mir bestraft wurde. In den Fernreisebussen herrscht nämlich absolute Ruhe. Telefonieren ist z.B. nur gestattet, wenn dies so diskret und ruhig verläuft, dass nicht einmal der Vordermann davon gestört wird.

Aber daran halten sich eben nicht alle Reisegäste.
Etwa auf halber Strecke, der Bus hält dann immer zu einer längeren Rast bei einem ausgesuchten, oder gar selbst vom Reiseunternehmen betriebenen Rasthof an, damit der große Hunger gestillt werden kann, kamen plötzlich zwei neue Fahrgäste dazu, die von einem anderen Bus in den unsrigen umgestiegen sind. Da sie keine Sitzplatzreservierung hatten, setzten sie sich in die hinterste leere Reihe, der Mann ganz rechts, die Frau ganz links. Der höfliche Reisebegleiter ging nach wieder aufgenommener Fahrt zu ihnen nach hinten, um den Fahrpreis zu kassieren. Plötzlich, wie der Donnerschlag nach einem Blitz, erhob sich die Stimme der Frau auf eine Lautstärke, die auch den letzten Schläfer im Bus erwachen ließ. Ohne Luft zu holen, mit immer höherer Frequenz, machte sie dem Busbegleiter klar, und mit ihm allen Fahrgästen auch, dass sie nicht bereit ist, nochmals Geld zu löhnen, hätte sie im anderen Bus ja schließlich schon bis zu ihrem gewünschten Ziel bezahlt. Dass dieser nicht dorthin fuhr, wo sie hin wollte, spielte für sie keine Rolle. Da auch wir fast ganz hinten saßen, war der folgende Anblick nach vorne sehr erheiternd. Wie auf Kommando drehten sich alle, aber wirklich alle Köpfe um 180 Grad nach hinten. Fassungslos über die Lautstärke, die diese einzige Stimme verbreiten konnte, wiegten die Köpfe vor mir hin und her und brachten mit Gemurmel ihrem Unmut über die fast schon kreischende Stimme der neuen Mitreisenden zum Ausdruck. Und das schlimme war, sie hörte nicht auf, und der nun schon zu bedauernde Reisebegleiter konnte sie nicht überzeugen, dass sie im Unrecht war und ihrer Schuld nachkommen müsse. Im Bus kam dadurch Unruhe auf, die wiederum dem ebenfalls neu zugestiegenen Mann, der mit der Frau nichts persönliches zu tun hatte, peinlich wurde. So zückte dieser nochmals seine Geldbörse und bezahlte den ausstehenden Fahrpreis für seine Sitznachbarin. Mit hochrotem Kopf, den Blick stur auf den Boden gewandt, nahm der Busbegleiter das Geld und ging schnellen Schrittes auf seinen Platz neben dem Busfahrer zurück.
Ich war glücklich über diesen kleinen Zwischenfall, der doch meine unkontrollierten Lacher schnell zu Peanuts werden ließ.

Genau acht Stunden dauerte unsere Reise. Das Gepäck konnten wir unversehrt in Empfang nehmen, was wollten wir mehr. Wir sind wieder einmal gut zu Hause angekommen.

5 Apr 2010

Istanbul – ein lebendiges Mosaik

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Istanbul ist die Stadt der absoluten Vielfältigkeit. Hier ist nicht nur Europa und Asien vereint.

Auf der einen Seite der Moloch, der dich verschlingt und dir sämtliche Höhen und Tiefen gleichzeitig aufzeigt und an deinen Kräften sich auslutscht wie an einer Zitrone.

Auf der anderen Seite die Ruhe, die Natur, die dich nicht nur zum Träumen bringt, sondern, in der der Geist, die Seele, der Körper zur Erholung kommt, sich für kurze Zeit regeneriert, um sich dann wieder dem geballten Chaos zu stellen.

Istanbul, die Stadt der unzählbaren Kuppeln und Bögen, die den Wirrsal überspannen wie ein einziges Himmelsgewölbe. Sie bieten Zuflucht und Schutz im Gebet, ebenso wie Stütze und Halt vor Einsturz und Zerfall, sie präsentieren Größe und Reichtum gleichermaßen um gleichzeitig aufzuzeigen, welch ein Winzling darunter verborgen ist.

Ob man Istanbul hören will oder nicht, Istanbul verschafft sich Gehör, jede Sekunde bei Tag und bei Nacht. Und dennoch sitze ich oft da und lausche – lausche den Geräuschen, die mich beruhigen, mir Freude bereiten.

Kürzlich war ich auf Büyük Ada, einer der neun Inseln vor Istanbul. Hier ist die leise Sprache zuhause. Auf der Insel fahren keine Autos, keine Straßenverkäufer bieten ihre Waren an, ab und zu hört man den Muezzin zum Gebetsruf. Und ab und zu erschallt der Glockenklang der armenischen Kirche, auch sie ruft zum Gebet. Das sind dann die Momente, in denen ich gerne innehalte, mich anlehne am Gehörten, mich darüber freue, wie klar und stimmgewaltig der Muezzin seine Schäflein ruft und die Glocken ihm auf gleicher Höhe entgegen treten.

Ja, man hört Istanbul, man riecht Istanbul, man fühlt Istanbul.

Mit dem Riechen ist das so eine Sache, muss nicht unbedingt sein. Denn man erlebt ein Geruchskonzentrat der Kategorie undefinierbar–anstrengend–massiv. Eine schwere, gehaltvolle Mischung eben.

Am liebsten sehe und erlebe ich Istanbul. Ich fühle es und sauge es in mir auf. Dazu gehört, wie eingangs schon erwähnt, die Vielfältigkeit dieser Riesenstadt. Sie ist ein aus dem ganzen Land zusammengetragenes buntes Mosaik. Ein Bild, das nie endet, immer die Farben neu mischt, manchmal pastell, schemenhaft oder glasklar, gerne auch knallig bunt, schrill, aber immer unmissverständlich und fesselnd.

Aber immer hat man das Gefühl, jedes einzelne Mosaiksteinchen hat nicht nur seinen ihm zufällig zugewiesenen, angestammten Platz, nein, das gesamte Bild würde ohne dieses kleinste Mosaik an Wert verlieren, das Bild würde entstellt, an Kraft verlieren.

Täglich erlebt man dieses Bild mit immer neuen Nuancen, oft abgestimmt auf die eigene Gemütsverfassung. Aber immer mit dem Ergebnis, es ist kein Fragment, sondern ein Gefüge, in dem Jeder seine Berechtigung erfährt.