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15 Okt 2013

Opfern und Schlachten – Kurban Bayram

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Heute ist Kurban-Bayram – Opferfest. Es ist neben dem Zuckerfest nach der Fastenzeit das höchste Fest für die gläubigen Muslime. Ich möchte einmal einen kleinen Einblick in den Tagesablauf einer türkischen Familie geben, die sich seit acht Monaten auf diesen Tag vorbereitet.

Der Tag unserer Freunde:

Heute Morgen um genau 7.59 Uhr war in unserer Region die Zeit zum Festgebet. Die männlichen Familienmitglieder gingen alle gemeinsam in die Moschee, die Frauen beteten zu Hause.

Danach gab es einen kurzen Cay, Tee,  dann gingen sie alle gemeinsam zu ihrem kleinen Bauernhof ganz in der Nähe ihres Wohnhauses. Dort leben seit März d. J. 20 männliche Schafe. Die Familie kaufte sie als kleine Lämmer auf den umliegenden Tiermärkten. Seither werden diese Kuzu täglich von ihnen gefüttert und gepflegt.

Als sie noch klein waren, ging Ali, das jüngste Familienmitglied, jeden Tag mit ihnen in die Berge, damit sie in den Genuss von frischem Gras kamen. Diese Leckerei gibt es nur im Frühling. Sobald es heißer wird, ab Juni, ist das Gras verdörrt, man muss sich nach anderen frischen Futtermitteln umsehen. Oft holten sie deshalb auf dem Markt die nicht verkauften Reste an Gemüse, schnitten es jeden Tag klein und verfütterten es. Daneben kauften sie allerdings auch Kraftfutter, soll aus dem kleinen Lamm ein großes Schaf werden.

Der junge Schafhirte lernte während dieser Zeit seine Schafe ganz genau kennen. Sehen sie für mich alle gleich aus, kennt er sie alle auseinander.

Jedes Schaf sieht anders aus, sagt er. Und jedes Schaf hat seinen eigenen Charakter.

Er liebt seine Tiere. Doch er weiß, dass diese Zuneigung nur auf eine kurze Zeit begrenzt ist.

Vor einer Woche hat er begonnen, seine Schafe zu verkaufen. Jeden Tag hatte er Kunden, die sich ihr Schaf aussuchten.

“Woher willst du wissen, wer welches Schaf gekauft hat?”, fragte ich ihn diese Tage.

Damit jeder Käufer auch sein Schaf bekommt, greift er zu diesem Hilfsmittel:

Um die Hörner des Tieres wird eine farbige Kordel gebunden. Davon schneidet man einen Teil ab und gibt sie dem Käufer mit nach Hause. Und wenn dieser dann am Schlachttag kommt, bringt er sein farbiges Band mit und bekommt dafür sein Schaf.

Geschlachtet wird direkt auf dem Bauernhof.

“Ali”, fragte ich wieder einmal neugierig, “tut es dir denn nicht leid, dass du nun all die Tiere, für die du 8 Monate gesorgt hast, schlachten musst?”

“Doch, es tut mir schon leid, sie sind mir in der Zeit ja ans Herz gewachsen. In den ersten Jahren, als ich selber zum Schlachten begann, habe ich sogar während des Schlachtens geweint. Heute tut es mir nur noch weh, Tränen kommen keine mehr. Aber das ist der Lauf der Dinge. Es ist unsere Einnahmequelle.”

Ali tötet die Tiere aber nicht mehr selber. Das macht sein Bruder für ihn. Ali weidet sie aus, zieht ihnen das Fell ab und zerlegt das Schaf so, wie es der neue Besitzer wünscht. Und bei jedem Schaf sieht er, wie es mit ihm durch die Olivenhaine zog.

Der Tötungsvorgang selber ist ein Ritual.

Bevor der Metzger das Messer ansetzt, spricht er ein spezielles Gebet für diesen Opfervorgang. Danach fragt er den Käufer des Schafes drei Mal:

“Soll das Tier geschlachtet werden?”

“Ja”, antwortet der Käufer wiederum drei Mal, “schlachte es”.

Dann wird dem Tier die Kehle durchgeschnitten.

Ein gläubiger Muslim wird nun das Tier in drei Teile zerlegen lassen. Ein Teil erhalten die Nachbarn und Freunde, ein Teil wird an die Armen verteilt und ein Teil behält man selber. Ein guter Muslim wir das beste Teil den Armen geben und für sich das weniger Gute behalten.

Mein Sohnemann hat die ganze letzte Nacht Brote und Brezeln gebacken. Backen ist derzeit sein Hobby, meine Küche freut sich. Heute Morgen ist er mit einem Korb voll frischer Backwaren zu unseren Freunden gefahren. Er meint, Brezeln gehören zu einem Schlachtfest.

Ich werde heute nicht hingehen. Ich werde ihnen erst Morgen zum Fest gratulieren und den kleinen Kindern ein Geschenk mitbringen.

 

5 Okt 2013

Wilde Nächte

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Nächte sind bei uns hier in Akcay schon immer anders als in Deutschland. Es ist ständig was geboten. War es gestern die leise Regensonate, so war es heute der große Donnerschlag. – Nein, kein Gewitter, aber auch nicht weniger laut. 

Du liegst im Bett, schläfst selig und träumst den Traum der Träume. Ich war nicht böse, dass ich schon den ganzen Tag keinen Internetempfang hatte und daher nicht arbeiten konnte. Es war die Gelegenheit, einmal sehr früh mit einem guten Buch ins Bett zu gehen. Ich bin die absolute Bettleserin – ich lese eigentlich nur im Bett. Man kann dann anschließend so leicht in einen wohligen Schlaf schlummern.

So auch die letzte Nacht – bis ich von lautem Gelächter wach wurde. Eigentlich auch nichts Besonderes hier, es wird auch in der Nachbarschaft gerne einmal eine laue Nacht zum Sohbet (Plausch) mit den Nachbarn oder Freunden genutzt. Und wenn dann zur späten Stunde die weiße Löwenmilch noch die Runde dreht, kann es schon auch einmal lauter werden. Macht mir nichts aus, bei uns dreht diese Milch auch ab und zu die Runde. Doch da war noch ein anderes Geräusch – ständig lief die Wasserpumpe, nachts ist das eher nervig. An – aus – an – aus. Und direkt unter unserem Schlafzimmerfenster war es irgendwie sehr unruhig. Geflüster, dazwischen Gelächter, Tür auf, Tür zu, ein ständiges Hin und Her, bei dem sogar der Hund mitmischte.

Denen werde ich morgen früh aber etwas erzählen. Ich dachte mir schon, dass die Jugend der Familie wieder einmal das Bett nicht finden wollte. Ja, ich war auch einmal jünger als heute, aber die Jugend heute findet meiner Meinung nach nie das Bett. Nein, ich möchte mich jetzt nicht daran erinnern, was meine Mutter immer zu mir sagte, wenn ich im Morgengrauen unentdeckt in mein Zimmer schleichen wollte ……

Jetzt steht auch noch mein Mann neben mir auf – auf leisen Sohlen will er sich davon schleichen. Nix leise Sohlen, ich höre alles …. Und im Bad treffen wir uns.

Ich fragte ihn, ob er den Kindern jetzt den Marsch blasen wird, ob der nächtlichen Unruhe.

“Nein”, sagte er, “ich glaube, du solltest einen Tee kochen, da wartet Arbeit auf uns.”

Arbeit?

Auf uns?

Mitten in der Nacht?

Leicht aufgebracht gehe ich ins Erdgeschoss, raus auf die Terrasse.

“Oh mein Gott!”

Da lagen sie – Groß und Klein, vertraut nebeneinander – Sau und Frischling!

Ja, das gab Arbeit!

   

20 Sep 2013

Welch ein liebliches Konzert

Posted by maria. No Comments

 

Heute ist ein besonderer Tag. Ein Tag, den ich sehnlichst herbeigesehnt habe.

Es war ein völlig ungewohntes Geräusch, das mich heute Nacht aus meinem Schlaf erweckte.

Es war ein leichter, ja, ein melodischer Klang, der mich sanft berieselte und gleichzeitig noch im Schlummer zu einem Lächeln bewegte. Ich vernahm sogar eine leise Melodie, die einen geheimnisvollen Nachklang hatte. Als wollte Sie mich sanft auf ein freudiges Konzert einstimmen. Gut, Konzerte dieser Art sind nicht immer klangvoll, da sie manchmal auch zu lebendig, zu hart, zu kraftvoll sind. Aber heute war dies etwas anderes. Es war ein sanftes Konzert, das ich wohlwollend in mir aufnahm, nach welchem ich mich schon seit Wochen sehnte.

Obwohl es mitten in der Nacht war, stand ich auf, ging auf meinen Balkon und war glücklich. Tief atmete ich die leicht erdig parfümierte Luft ein. Schon lange konnte ich nicht mehr so tief durchatmen. Ich sah die Bäume, Sträucher, Blumen und Gräser, die sich wie im Tanze wiegten und an Frische erstrahlten. Ein nächtlicher Waschtag.

Alles war dunkel, der Strom war weg. Wie so oft, wenn der Regen die Herrschaft übernimmt. Aber heute, heute will ich darüber nicht klagen.

10 Apr 2013

Zwischendurch muss Alltag sein

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„Beim rückwärts Einparken drehe ich immer die Musik leiser. Sonst sehe ich nichts.“

Diesen Facebook-Eintrag hat heute eine Facebook-Freundin geteilt und darunter geschrieben: Haha, geht mir genauso!!

Sämtlichen Kommentatorinnen ging das ebenso, und mir geht es genauso. Und manchmal kommt noch Schweißausbruch dazu. Warum ich das schreibe? Es erinnert mich an eine ganz bestimmte Einparksituation:

Akcay – Frühjahr 1990

1990 gab es noch ganz ganz wenige Frauen in Akcay und Güre, die Auto fuhren. Man konnte sie wohl an einer Hand abzählen. Eine davon war ich. Ich dachte mir nichts dabei, mich in diese türkische Männer-Welt zu stürzen. Schließlich hatte ich schon zig Jahre den Führerschein. Und, mein Auto hatte ein ausländisches Nummernschild. Damit war dann sowieso alles geklärt, beziehungsweise „anders“. Sicher, ich musste mich an die damalige türkische Fahrweise erst gewöhnen. Mein Mann war anfangs immer sehr besorgt, wenn ich mit dem Auto unterwegs war. Er wusste, dass türkische Regeln eben nicht unbedingt unseren Straßenverkehrsregeln entsprachen.

Nur ein Beispiel:

Man fährt auf einer Hauptverkehrsstraße und möchte nach links abbiegen.

Deutsch: Blick in den Außenspiegel, Blinker setzen, Gegenverkehr berücksichtigen und dann bei freier Straße links abbiegen.

Türkisch: Blick in alle Außenspiegel, rechts und links, man weiß ja nicht, was von rechts oder links hinten kommen kann, Blinker nach rechts setzen, den Straßenrand anfahren und anhalten, warten bis kein Verkehr von hinten und vorne kommt, dann schnell nach links abbiegen.

Befolgte man dies nicht, konnte es nicht nur zu äußerst lästigen Hupkonzerten von ungeduldigen Autofahrern kommen, sondern auch zu gewagten beidseitigen Überholmanövern, die mich grundsätzlich in Panik geraten ließen und manchmal auch Schreikrämpfe hervor riefen.

Mittlerweile passen sich die ungeschriebenen Straßenverkehrsregeln allerdings immer mehr den geschriebenen an, das Autofahren wird einfacher.

Zurück zum Facebook-Eintrag, der mich an eine ganz bestimmte Einparksituation erinnert:

Ich musste dringend in die Innenstadt nach Akcay, Leckereien für den unangemeldeten Besuch kaufen. An normalen Tagen fand man immer einen Parkplatz rechts oder links am Straßenrand. Nur an diesem Tag nicht. Drei Mal fuhr ich im Kreis, bis ich endlich einen freien Platz entdeckte. Aber es war eine Parklücke, die ich nie und nimmer vorwärts anfahren konnte, die ging nur rückwärts. Normalerweise nicht schlimm, ein paar Mal vor und zurück, dann passt das schon. Aber nicht unbedingt, wenn der Parkplatz vor einem Männerteehaus war und dort alle Stühle mit Blick zur Straße besetzt waren. Diese besetzten Stühle sehen alles und jeden. Vor allem Frauen am Steuer. Ja, ich hab sie auch gesehen. Aber meine Dringlichkeit ließ mir keine andere Möglichkeit, als diesen Parkplatz zu belegen.

Schon als ich mein Auto neben der Parklücke anhielt, um zu sehen, ob ich da mit meiner langen Kiste überhaupt reinpasse, sah ich, wie mindestens 30 Augenpaare mich ab jetzt verfolgten. Schweiß auf Stirn und Nacken, mein Deodorant wurde einer starken Prüfung unterzogen, meine Hände am T-Shirt getrocknet, Radio wurde ausgeschaltet, der Anschnallgurt gelöst. Und dann fuhr ich wie in der Fahrschule gelernt, langsam und konzentriert in die Parklücke. Passte nicht ganz, ich musste noch einmal raus. Zweiter Versuch. Ein paar Männer haben sich schon von ihren Stühlen erhoben. Nein, ich schaute nicht hin, ich wusste auch so, dass sie grinsten. Solch ein Schauspiel bekommt man schließlich nicht jeden Tag. Frau am Steuer, die einparkt. Also, Hände wieder am T-Shirt abgetrocknet, Rückwärtsgang eingelegt, das Lenkrad etwas mehr eingeschlagen, ich komme gut rein. Nur noch kurz noch vorne fahren, damit ich schön gerade in der Parklücke stehe. Mein Kopf war hochrot, ich war total nass. Und die Männer standen vor ihren Stühlen und lachten. Ich stieg aus, sah sie nun an, hob meine Hände zum Sieg empor und lachte zurück. Von dem Tag an kannte man die Deutsche nun auch in dieser Straße.

Heute gehöre ich als Frau hinter dem Steuer nicht mehr zur absoluten Minderheit. Frau am Steuer ist heute in Akcay normal und selbstverständlich.  

4 Mrz 2013

Ein letztes Lächeln unter dem Olivenbaum

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„Frau, willst du heute noch lange träumen?“

„Stell schon mal den Tee auf, ich komme gleich.“

„Du weißt doch, ich kann das nicht.“

„Hast du schon die Ziegen und die Kühe gemolken?“

„Ich gehe jetzt in den Stall, steh du aber erst einmal auf.“

Mühsam, fast schwerfällig kämpft sich Fatma Hanim aus ihrem Nachtlager. Eigentlich sollte sie schon seit einer Stunde auf den Beinen sein. Feuer am Kochherd anzünden, Wasser für den Tee aufsetzen, in den Stall gehen, die Tiere melken und danach den Tee aufgießen und das Frühstück herrichten. Doch heute will ihr das so gar nicht gelingen. Etwas zehrt gerade an ihren Kräften. Schon seit Tagen spürt sie es in der Herzgegend, es ist so beklemmend, raubt ihr die Energie und lässt sie schwer atmen. Doch sie schiebt es beiseite, wie immer, wenn es ihr nicht gut geht.

„Es wird von alleine wieder vergehen“, denkt sie.

Essen möchte sie eigentlich gar nichts. Aber sie weiß, dass sie etwas zu sich nehmen muss. Wie soll sie sonst den ganzen Tag im Olivenhain verbringen? Also rafft sie sich auf, wenigstens eine kleine Scheibe Weißbrot, eine ganz kleine Ecke vom selber gemachten Ziegenkäse und dann noch zwei grüne Oliven zu essen. Nein, heute möchte sie ihr Brot nicht in mit Kräutern verfeinertes Olivenöl tauchen. „Es liegt mir vielleicht zu schwer im Magen, wer weiß“, denkt sie sich.

Bevor Fatma und ihr Adam gehen, richtet sie noch die Brotzeit für den Mittag her. In eine kleine Dose füllt sie von den grünen Oliven, die sind ihr dieses Jahr besonders gut gelungen. Nicht zu salzig, schön mild. Sie hat das neue Rezept von Selma Hanim bekommen, einer Nachbarin, die erst seit Kurzem ins Dorf gezogen ist. Es sind die Kräuter, die sie dieses Jahr den Oliven zugefügt hat. Die geben den Oliven zwar ein würziges aber doch gleichzeitig ein mild-fruchtiges Aroma.

Ja, sie darf das Biber Ezmesi, Paprika Mus, nicht vergessen. Das schmeckt dem Adam so gut, so nennt sie ihren Mann. Nur Adam, Mann. Sie sagt selten Mustafa zu ihm, das ist zu lang, hat sie beschlossen. Adam genügt. So rief ihre Mutter schon ihren Mann.

Noch etwas Brot und eine Flasche Wasser, mehr braucht es nicht.

Am Abend gibt es ja schon wieder Essen. Gleichzeitig macht sie sich Gedanken, was sie denn am Abend kochen soll. Ja, sie muss morgen auf den Markt gehen, der Garten gibt noch kein Gemüse her. Sie weiß, dass sie den Garten erst wieder neu bestellen muss. Oh, diese Arbeit, wenn sie nur nicht so beschwerlich derzeit wäre. Fatma ist müde.

Und so müde, wie sie war, schleppt sich Fatma hinter dem eingespannten Muli und ihrem Mann in Richtung Olivenhain. Seit 45 Jahren arbeiten sie Hand in Hand. Immer. Sie waren noch keinen Tag getrennt.

Sie müssen noch mindestens fünf Terrassen pflügen, oder vielleicht noch mehr. Dabei lenkt sie das Pferd, ihr Mann lenkt den Pflug. Rauf und runter, hin und her, den ganzen Tag. Wenigstens ist es nicht mehr kalt. Die Temperaturen sind die letzten Tage auf fast 20 Grad angestiegen.

Und doch, die Arbeit strengt sie heute besonders an. Nicht, dass der Muli, der schon seit 10 Jahren für sie arbeitet, Probleme macht, nein, es sind die schweren Beine, die nicht mehr wollen, die enge Brust, die ihr das Atmen so schwer macht.

Endlich hält der Adam an und meint, dass eine Pause jetzt gut wäre. Die Arbeit im Freien mache schließlich hungrig und durstig.

Fatma Hanim setzt sich in den Schatten eines Olivenbaumes. Sie lehnt sich an den Stamm, schließt die Augen, sucht die Ruhe und will nichts essen. Ihr Adam sieht wohl, dass es ihr nicht gut geht und denkt sich, „Dann machen wir halt morgen weiter. Es soll für heute gut sein.“

Er packt den Pflug wieder auf das kleine Pferdegespann und geht zu seiner Frau. Die saß immer noch an den Olivenbaum gelehnt im Schatten der Baumkrone. Sie sieht friedlich aus.

Wer genauer hinsah, konnte sogar ein feines Lächeln auf ihren Lippen erkennen. Es war ihr letztes Lächeln in dieser Welt.

Diesen Olivenbaum hegen und pflegen wir mit einer ganz besonderen Hingabe.

Fatma Hanim ist unter diesem Baum gestorben.

23 Feb 2013

Der Olivenbaum

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Ich kann mich noch sehr gut an meine Kindheit erinnern. Damals wurde oft vom Ölbaum erzählt – in der Kirche und zu Hause. Hörte ich eine Bibelgeschichte von Jesus, stellte ich mir immer vor, wie er unter einem Ölbaum saß und seine Jünger um ihn herum. Aber leider konnte ich mir nie vorstellen, wie dieser Baum aussehen soll. Er erschien mir allerdings als sehr bedeutend und sehr groß. Auch vom Ölzweig und den Ölbaumfrüchten wurde immer mit großer Achtung gesprochen.

Bei jeder Begegnung mit ihm erlebe ich heute immer noch diesen Glückszustand, wie ich ihn erlebte, als ich zum ersten Mal einen Olivenbaum sah und berührte, diesen wunderbaren Baum.  Heute begegne ich täglich diesem Glück, und es lässt mich immer noch nicht los.

 

Wandert man durch einen Olivenhain, wird jeder fasziniert sein, welch prachtvolle Bäume dort stehen. Es sind nicht die Äste und Zweige, die je nach Besitzer kurz oder lang gehalten werden, es ist der Stamm, der sofort ins Auge fällt und bezaubert. Ein Stamm, der uns sicher die wunderlichsten Geschichten und Erlebnisse der letzten Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte erzählen könnte. An seinem Umfang und seiner Struktur kann man ungefähr ablesen, wie alt der Baum ist. Ist die Rinde noch glatt und der Stamm eher noch zierlich, dann kann man davon ausgehen, dass der Baum noch ein Jüngling von nur ein paar Jahrzehnten ist. Je älter der Baum wird, umso imposanter wird sein Stamm. Er wandelt sich von einer glatten Rinde hin zu einer rissigen Borke.

 

Es ist aber nicht nur sein Umfang, der ihn so anschaulich macht, es ist die Rinde, die dem Baum seinen Charakter verleiht. So ist diese nicht selten mit großen Warzen und Kröpfen ausgestattet und oft sehr verknorpelt.

Manch ein Baum hat auch einen Korkenzieherstamm, der sich aus welchen Gründen auch immer, öfters gedreht hat. Und besonders eindrucksvoll sind die Stämme, die einen aufgespaltenen Hauptstamm haben. Solche Bäume sind meist völlig hohl und dienen eher als Unterstand, als dass sie feine Früchte liefern – denkt man. Doch schaut man sich im Herbst den Fruchtstand an, ist man erstaunt, woher diese Früchte ihre Nahrung bekommen.

 

 

So setze ich mich oft in den Schatten eines Olivenbaumes, an seinen Stamm gelehnt, rede mit ihm und lasse meiner Fantasie freien Lauf.

Meine Gedanken schweifen dabei weit zurück und ich frage ihn immer und immer wieder: Wer hat dich wohl gepflanzt? Wer hat für dich im Schweiße seines Angesichtes den Boden gerodet? Wer durfte die ersten Oliven von dir ernten? Unter welchen Mühen hat man für dein Wachstum den Boden gelockert, dass du genug Wasser erhältst? Wie alt bist du wohl? Und welche Mäuler konntest du in all den Jahren sättigen? Ich weiß aber auch, dass du mit deinen in die Jahre gekommenen Ästen schon viele viele Häuser und Hütten gewärmt hast. Fragen und Antworten, die mich als neugierige Person ständig beschäftigen. Und wenn ich meine Augen schließe, so kommt es mir manchmal vor, als würde mir der Baum leise antworten.

Was er mir sagt? Erzähle ich euch gerne, das nächste Mal.

31 Jan 2012

Die Olivenernte – eine Kur für Körper, Geist und Seele

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Zum letzten Mal die Netze ausgelegt und schon fast zärtlich die reifen Früchte vom Baum gestreichelt. Zum letzten Mal die prall vollen Säcke zur Olivenölpresse gefahren und am nächsten Tag die letzten Liter feinstes und edelstes Olivenöl abgeholt. Erdinc, unser „persönlicher Betreuer“ in der Ölfabrik, wird uns wohl vermissen, die Deutschen, die jeden Abend mit ihrem Ernteerlös glücklich strahlend vor seiner Ölpresse standen und auf ihre Bearbeitungsnummer warteten. Die Deutschen „haben fertig“, lieber Erdinc.

Die letzte Ernte
Alle lachten sie immer, wenn wir, Mann und Frau, noch dazu Ausländer, mit unseren zwei oder drei Säcken Oliven, selbstverständlich fein säuberlich von Blättern und Geäst getrennt, ankamen. Sie sind es anders gewohnt. Türken ernten in großen Scharen, mindestens 8 Leute, meist noch mehr, die dann geübt und flink an einem Tag die Menge ernten, für die wir eine ganze Woche brauchten. Und wenn noch zusätzlich Erntehelfer eingesetzt werden, ist der Anhänger eines Traktors noch lange vor Einbruch der Dunkelheit schnell mit vollen Säcken gefüllt. Die halten dann nicht stolz kleine Kanister bereit, in die das flüssige Gold abgefüllt werden soll, sondern sie haben große Bottiche, in die gut mal 1000 Liter passen. Deshalb sind in der Ölpresse solche Kunden, wie wir es waren, eine Rarität, und darum wird Erdinc uns vermissen.

Olivenernte 2011

Aber ich vermisse ihn und seine Ölfabrik auch. In der ich jeden Abend mit großer Neugier und erschöpften Gliedern den Umtrieb beobachtete, wie sie alle ankamen, die Großbauern, mit ihren unzähligen prall gefüllten und zugenähten Säcken, mit der Aufschrift „Ghana Cucoa Board – Produce of Ghana“. Von wegen Kakao aus Ghana. Das war vielleicht einmal. Jetzt waren Sie mit Oliven aus Akcay gefüllt, die Kakao-Säcke.

Von wegen Kakao - Oliven heißt das Zauberwort
Jeden Abend beobachtete ich zum wiederholten Mal, wie die Oliven in das Wasserbad rollten und gewaschen wurden, die letzten verbliebenen Blätter vorher mit einem starken Luftsog von den Früchten getrennt wurden und diese ihren Weg zur Mühle antraten. Dort wurden sie mitsamt den Kernen zu einem groben Mus zermalmt und zur eigentlichen Presse weitergeschoben. Am Ende dieser Presse stand ich dann und staunte nicht schlecht, wie sich diese braune, zermanschte Masse, in eine goldgelbe, grasig duftende Flüssigkeit verwandelte und in einen großen Bottich floss.

Geduld - Geduld - Geduld
Der ganze Ernteablauf ist eine über Wochen sich täglich wiederholende Zeremonie. Eine Herausforderung für den Körper, der wieder einmal all seine Muskeln in Bewegung setzen darf und gleichzeitig eine Erholung für Geist und Seele, die dem oft stressigen, hektischen und manchmal zermürbenden Alltag entfliehen dürfen und von einer weichen, in sich ruhenden Empfindung aufgefangen werden. Daher vermisse ich die Zeit der Stille, die mich meist den ganzen Tag umschloss, bis ich das Innerste aller Lasten ablegte und befreit den Moment genießen konnte.
Ich vermisse aber auch die Zeit, in der mich meine Füße abends nicht mehr tragen wollten und die Fußsohlen jedes Mal ein unüberhörbares Halleluja sangen, wenn ich meine Schuhe auszog.
Ich vermisse meinen ganz persönlichen, herb fruchtigen, nach Heu, Gras und Erde duftenden, leicht säuerlichen, Stallgeruch. Wie oft habe ich abends nach der Dusche noch einmal meine Nase in die abgelegte Kleidung gesteckt, um diese besondere Duftmischung aus Arbeit und Natur in meinem Hirn fest zu verankern.
Ich vermisse auch die absolute Müdigkeit, die keine Schäfchen zum Zählen benötigte, sondern die mich schnell in einen tiefen und erholsamen Schlaf beförderte.

Das schmeckt!
Die Olivenernte ist die perfekte Arbeit, um all die aufgestaute Mühsal, die oft wie eine schwere Last auf den Schultern liegt, die Galle zum Überlaufen bringt oder den Magen abdrückt, wie von Zauberhand entweicht. Dafür nimmt eine innere Zufriedenheit überhand, die Verbundenheit zur Natur breitet sich aus und man begegnet ehrfurchtsvoll einem Baum, der schon seit Jahrhunderten für das Wohl vieler Generationen sorgt. Schon allein der Anblick solch eines Baumes, der zur Erntezeit unzählbar viele Früchte in einer wundersamen Farbenpracht trägt, lässt das Herz höher schlagen. Schon Vincent van Gogh versuchte, den Ölbaum zu beschreiben: “Die Ölbäume sind sehr charakteristisch, und ich gebe mir große Mühe, das einzufangen. Es ist Silber, das mal ins Blaue, mal ins Grüne spielt, bronzefarben und beinah weiß auf gelbem, rosa, violettem oder orangen Boden, der bis zum stumpfroten Ocker geht… Eines Tages mache ich vielleicht etwas ganz Persönliches daraus, wie ich es mit den Sonnenblumen für die gelben Töne gemacht habe.”

Damit diese Ölfrucht unverletzt geerntet werden kann, der Baum dabei nicht durch das Abreißen junger Triebe beschädigt wird und hochwertiges Olivenöl daraus gewonnen werden soll, muss man sich schon etwas in Geduld üben. Das heißt, beharrlich und unermüdlich, mit dem Hilfswerkzeug eines kleinen Rechens, sanft und ohne Hektik, Frucht für Frucht abrechen. Jeder Ast, jeder Trieb, bis zur Krone des Baumes, muss auf diese Art und Weise von seinen Oliven erlöst werden.

Olivenernte 2011
Gerade bei alten Bäumen kam ich während der Arbeit oft ins Sinnieren. Wer hat ihn wohl gepflanzt, vor vielleicht über 500 Jahren? Für seinen eigenen Wohlstand hat der Bauer ihn sicher nicht gepflanzt, diesen heute knorrigen aber stolzen Baum. Er hat ihn für das Wohl seiner Kinder eingesetzt, dass sie einmal von der reichen Ernte, die meist erst nach 20 Jahren Wachstum eintritt, profitieren sollen. So, wie es vermutlich sein Vater und dessen Vater schon immer so gemacht haben, wollte auch er für eine gute Zukunft seiner Kinder sorgen. Doch mit welcher Mühsal hat er hier wohl gearbeitet, an diesem steilen Hang, dessen Boden von Millionen Steinen übersät ist. Wie mühevoll muss die Bearbeitung von diesem Fleckchen Erde wohl gewesen sein. Ohne Gerätschaften, wie wir sie heute kennen. Das verlangte von Beginn an viel Geduld, der Tugend, die sich über die Jahrhunderte weg nicht verändert hat und bis zum heutigen Tag erforderlich ist, um feinstes grünes Gold in Flaschen abzufüllen.

Wäre ich Arzt, der einen ausgelaugten Patienten vor sich hat, würde ich ihn zur Kur schicken. Als Erntehelfer zu einem Olivenbauern. Ich bin absolut überzeugt, er käme als Mensch zurück, der sich und sein Umfeld mit anderen Augen betrachten wird. Der die Dinge mit einem neuen Maßstab bewerten und dabei auch mehr Gelassenheit an den Tag legen wird.

Olivenernte 2011

4 Nov 2011

Kurban Bayramı oder Das islamische Opferfest

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Als Nasreddin Hodscha einmal auf Reisen war, kam er in ein Dorf und sah mit Erstaunen, dass alle Leute dort aßen und tanzten und fröhlich waren.

„Was für ein gesegneter Ort!“ rief der Hodscha. „Dort, wo ich lebe, haben die Leute kaum etwas zu essen.“

„Eigentlich geht es uns hier genauso“, erwiderte ein Mann. „Heute ist aber ein besonderer Festtag. Dafür hat jeder aus dem Dorf etwas zum Essen aufbewahrt und heute zubereitet. Deshalb haben wir so viel zu essen und zu trinken und freuen uns“.

Darüber dachte Nasreddin Hodscha eine Weile nach und seufzte dann:

„Wenn wir nur jeden Tag so ein Fest haben könnten! Dann wäre jeder so glücklich wie heute und niemand müsste hungern.“

Nasreddin Hodscha hat recht. Eigentlich sollte jeder Tag ein Festtag sein. Jeder Tag sollte die Menschen glücklich machen und ihren Hunger stillen. An jedem Tag sollten alle Menschen gleich gestellt sein und sich auf einer Augenhöhe begegnen können. Wunschgedanken – ich weiß, denn nicht jeder Tag kann Festtag sein. Aber vielleicht kann das Opferfest, das höchste Fest im Islam, seinen Beitrag dazu leisten, dass die Menschen sich einander nähern und der Hunger bei denen, die unter Entbehrungen leiden, wenigstens für kurze Zeit gestillt werden kann.

Beim Opferfest, oder Kurban Bayramı, wird dem Propheten Ibrahim (Abraham) gedacht. Ibrahim ist im Islam der wichtigste Prophet. Er wird als erster Gerechter und Hanif betrachtet, das bedeutet, Ibrahim hat als Erster erkannt, dass es nur einen Allah (Gott) gibt. Er lehnte die Vielgötterei ab und forderte eine sittliche Lebenshaltung. Ibrahim wurde zum Verkünder des Glaubens. Allah schenkte ihm trotz seines hohen Alters noch einen Sohn, Ismail, geboren von der Magd seiner Frau. Ismail war für Ibrahim nicht nur Sohn, sondern er war gleichzeitig die Hoffnung in die Zukunft der Menschen. Doch Allah unterzog ihn einer schweren Prüfung. Ibrahim sollte die Liebe zu Allah beweisen und Ihm seinen geliebten Sohn opfern. Das wertvollste Geschenk, das Allah ihm gab, Ihm wieder zurückzugeben.

In Sure 37, 102-105 heißt es:

Als dieser das Alter erreichte, dass er mit ihm laufen konnte, sagte er: „O mein lieber Sohn, ich sehe im Schlaf, dass ich dich schlachte. Schau jetzt, was du (dazu) meinst.“ Er sagte: „O mein lieber Vater, tu, was dir befohlen wird. Du wirst mich, wenn Allah will, als einen der Standhaften finden.“ Als sie sich beide ergeben gezeigt hatten und er ihn auf die Seite der Stirn niedergeworfen hatte, riefen Wir ihm zu: „O Ibrahim, du hast das Traumgesicht bereits wahr gemacht.“ Gewiss, so vergelten Wir den Gutes Tuenden.

In großer Dankbarkeit opferte daraufhin Ibrahim Allah einen Widder. Diese Sure lässt erkennen, dass es Allah nicht um das Opfer eines Menschen ging, sondern um Abrahams Hingabe zu ihm. Und Ibrahim enttäuschte Allah nicht und gab sich Ihm völlig hin. Kurban bedeutet demnach „sich nähern“. Nicht das Fleisch erreicht Allah, sondern die Ehrfurcht, sein Wohlgefallen zu gewinnen und seiner Liebe näher zu kommen. Die Opfergabe ist daher eine abrahamitische Tradition, die im Islam verpflichtend ist und jeden, der es sich materiell leisten kann, hierzu aufruft.

Wie wird dieses höchste Fest im Islam erlebt?

Schon Tage vor dem Fest spürt man die Vorfreude und Emsigkeit, von der das ganze Umfeld geprägt ist. Auf den Wochenmärkten gibt es ein riesiges Angebot an frischen Waren, denn die Hausfrau stellt an den Festtagen nur das Beste auf den Tisch. Reichhaltig, lecker und liebevoll soll der Tisch gedeckt sein. Die männlichen Familienmitglieder sind in den Tagen vor dem Opferfest eher damit beschäftigt, das Opfertier zu kaufen. So kommt es schon vor, dass die Gärten unserer gesamten Nachbarschaft schon Tage vor dem Schlachtfest von Schafen und Lämmern besiedelt werden. Auch wenn wir Ausländer sind, und daher vom eigentlichen Geschehen nicht betroffen sind, werden wir dennoch von unseren Freunden in die gesamte Vorbereitung mit einbezogen. Es wird vorgekocht, Desserts werden gebacken, die Dame des Hauses und die Kinder werden neu eingekleidet, das Haus wird einmal vollständig umgedreht und gereinigt.

Am Tag des Opferfestes versammeln sich die Gläubigen zuerst in der Moschee zum gemeinsamen Gebet. Erst danach werden die Opfertiere geschächtet. Hierzu kommt bei den meisten ein vertrauensvoller Metzger, der sich des verantwortungsvollen Schächtens bewusst ist, nach Hause. Im Islam unterliegt das Schächten genau festgelegten strengen Regeln. Zur eigentlichen Schlachtung versammelt sich die Familie um das Tier, spricht ein kurzes Gebet und erst dann wird das Tier zur Opfergabe. In manchen Städten gibt es auch öffentliche Plätze, an denen die geopferten Tiere geschlachtet werden. Danach wird das Fleisch nach festgelegten Regeln aufgeteilt. Ein Drittel soll an Bedürftige verteilt werden, ein drittel an Verwandte, Nachbarn und Freunde und nur ein Drittel soll selber verzehrt werden.

Vier Tage dauert das islamische Opferfest. Vier Tage, an denen die Verwandten, Freunde, Bekannten und Nachbarn besucht werden. Vier Tage, an denen das Telefon nicht stillsteht. Vier Tage, an denen der türkische Kaffee, der türkische Tee und die vielen Leckereien kein Ende finden. Und wie bei Nasreddin Hodscha wird gemeinsam gefeiert, gegessen und sich ein frohes Fest gewünscht. Schaut man dann manchmal der Realität der großen weiten Welt ins Auge, wünschte man, es gäbe täglich das Opferfest.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Opferfest.

21 Jul 2011

Ramadan, der Fastenmonat im Islam

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Vier Millionen Muslime leben derzeit in Deutschland. Wir arbeiten mit ihnen, leben Tür an Tür mit ihnen, begegnen ihnen sicherlich täglich auf der Straße, doch was wissen wir über sie? Was wissen wir über ihr Werteempfinden, ihre religiösen Traditionen? Leider zu wenig.

In vielen Religionen, so auch im Christentum und Judentum, gibt es Zeitabschnitte des religiös motivierten Fastens. Während dieser Zeit ist die Demut, die innere Umkehr, die Geduld und der Verzicht auf Nahrung wichtigster Bestandteil der 40-tägigen Übung an Selbstbeherrschung auf dem Pilgerweg zu Gott. Der Fastende hat damit Gelegenheit sich zu reinigen, sein Leben zu ändern, sich zu verbessern und die Beziehung zu Gott und seinen Mitmenschen zu festigen. So verhält es sich auch im Islam.

Der Monat Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender. In diesem Monat hat Gott dem Propheten Mohammed in der „Nacht der Bestimmung“ den Koran in sein Herz geschrieben. Die Offenbarung der Heiligen Schrift durch den Erzengel Gabriel kam erst in der Folge. Die Fastenzeit, die zwischen 29 und 30 Tagen dauert, gehört zu den Grundpflichten eines jeden Muslims. Weitere Grundpflichten sind das islamische Glaubensbekenntnis, das tägliche fünfmalige Gebet, die Almosensteuer und die Pilgerfahrt nach Mekka. Im heiligen Buch der Muslime, dem Koran, wird das Fasten in folgendem Vers vorgeschrieben: “Ihr, die ihr glaubt, euch ist das Fasten vorgeschrieben wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren, damit ihr vielleicht gottesfürchtig werdet.” (2:183).

 

Fasten heißt auch, sich von Abhängigkeiten los sagen

Auf Essen und Trinken von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu verzichten, ist lediglich die einfache Reinigung des Körpers, es wird das Gebot des äußeren Fastens genannt. Hierzu gehört auch, auf das Rauchen und den Beischlaf mit dem Ehepartner zu verzichten. Gleichzeitig soll durch das äußere Fasten ein Gespür für das Leid der Hungernden erlangt werden, das auch dazu beiträgt, dass Arme und Schwache nicht übersehen und erniedrigt werden. Das verantwortliche Miteinander in der Gesellschaft soll dadurch gefördert werden.

Die eigentliche Spiritualität des Fastens ist allerdings die innere Reinigung. Sie verlangt nicht nur Selbstdisziplin, sondern auch viel Geduld. Auf diesem Pilgerweg zu Gott soll der Gläubige sich gänzlich von Sünde freihalten. Dazu gehört, seinen Geist und seine Seele unter Kontrolle zu halten. Reden, Hören und Handeln frei von Sünde, ist das Bestreben, welches den Menschen erhöht. Auch von lästigen Abhängigkeiten soll sich der Fastende lossagen. Dadurch hat er die Möglichkeit zu erkennen, dass er in Wahrheit einzig und allein von Gott abhängig ist. Denn auf diesem Weg zu seinem Schöpfer erkennt der Pilger, wie unwichtig viele Dinge sind, an die man sich gewöhnt hat und getrost zurückgelassen werden können. Um diese Weisungen erfüllen zu können, benötigt der Fastende auch viel Geduld und Beharrlichkeit. Er wartet geduldig auf das Essen nach dem Sonnenuntergang und entsagt den Köstlichkeiten, die der Alltag ihm bietet. Er ist auch geduldig und verständnisvoll seinen Mitmenschen gegenüber. Er stellt sein Ego hinter sich und erweist sich als großzügig, seine Standhaftigkeit hierbei ist mit großer Geduld verbunden. Sie wird zu seinem Antrieb. Denn spätestens am Abend beim Fastenbrechen, kann er sich über seine Geduld erfreuen. Geduld heißt auch Willensstärke und im Koran heißt es:  „Die Standhaften werden ihren Lohn erhalten, ohne dass darüber abgerechnet wird.“ [39:10]

Im Islam wird die Fastenzeit als Pilgerweg zu seinem Schöpfer dargestellt. Auf diesem Weg lässt man Unnötiges zurück und wendet sich mehr dem Gebet und dem Lesen des Korans zu. Durch diese Hingabe erkennt der Fastende nicht nur die Liebe Gottes, sondern auch den Willen Gottes. Es ist eine Möglichkeit der inneren Reinigung und Stärkung, die mit guten Vorsätzen auch nach der Fastenzeit weitergeführt werden kann. Angehalten zum Fasten werden alle gesunden Moslems, die das Pubertätsalter erreicht haben. Ausgenommen von der Pflicht des Fastens sind Kranke, Altersschwache, Schwangere, stillende und menstruierende Frauen. Dies gilt auch für körperlich schwer arbeitende Menschen. Allen, die nur vorübergehend ihrer Verpflichtung nicht nachkommen können, wird empfohlen, dies zu gegebener Zeit nachzuholen oder für jeden versäumten Fastentag dafür einen Armen zu speisen.

 

Das Iftar-Mahl wird zum Mittelpunkt des Tages

Das mit Freude erwartete Fastenbrechen wird bei Sonnenuntergang mit einem Schluck Wasser oder einer Dattel und einem Bittgebet eröffnet.  “O Allah, um Deinetwillen habe ich gefastet und an Dich geglaubt und mit Deiner Versorgung breche ich das Fasten. Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen, des Gnädigen”. Im Mittelpunkt des Iftar-Mahls steht auch die Geselligkeit. Am Tisch trifft sich nicht nur die Familie, sondern Freunde und Nachbarn werden zum Fastenbrechen eingeladen. Viele Moscheen in Deutschland öffnen ihre Türen und laden zum Iftar ein. Für viele Muslime ist es eine Ehre, wenn auch Andersgläubige diesem Aufruf folgen und gemeinsam gegessen wird. Durch dieses Miteinander kann Verständnis und gegenseitige Achtung wachsen und verbinden. Vielleicht bietet die kommende Fastenzeit, die vom 1. August bis 29. August 2011 dauert, für manche Gelegenheit, Missverständnisse auszuräumen, Solidarität zu zeigen, um dadurch wieder Raum für einen Neubeginn zu geben.

 

9 Apr 2011

Brief an einen besorgten Alteisenwarenhändler

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Sayın Hurdacı -

Sehr geehrter fahrender Eisenwarenhändler,

mit großer Überraschung, allerdings nicht unbedingt wohlwollend, habe ich nach meiner Rückkehr in mein heiß geliebtes Domizil festgestellt, dass Sie sich wohl um meine diversen Utensilien, die auf meiner Terasse standen, große Sorgen gemacht haben. Ich kann Ihnen aber versichern, diese Bedenken waren völlig unbegründet.

Natürlich kann ich verstehen, dass Sie sich um meine Gesundheit reichlich Gedanken machten, als Sie den fast neuen Edelstahlgrill auf Ihr Pferdefuhrwerk aufluden. Aber Sie dürfen mir glauben, auch ich mache mir hin und wieder Gedanken über mein leibliches Wohl. Mit diesem gehe ich mitnichten unverantwortlich um, auch wenn ich ab und zu gegrilltes Fleisch und Gemüse esse. Ich achte sehr wohl darauf, dass mein Fleisch nicht zu stark verbrennt und das Gemüse seinen wunderbaren Eigengeschmack beibehält. Dazu verwende ich eine zart gewürzte Marinade, angesetzt in erstklassigem Olivenöl, extra nativ natürlich und aus eigenem Olivenanbau – somit wäre auch der absolut biologische Anbau garantiert. Ihre Besorgnis über meine gesundheitsschädliche Ernährung wäre damit also ausgeräumt. Trotzdem danke ich für Ihre Fürsorglichkeit.

Noch nicht ganz durchschaubar für mich ist, warum Sie meinten, mein Fahrrad ist nicht mehr gut genug für mich. Ich gebe ja zu, es war nicht mehr das aller neueste Modell, es hatte schon weit über 20 Jahre auf dem Sattel, aber dennoch erfüllte es auf wundersame Weise immer noch seinen Dienst. Wir, das Fahrrad und ich, waren nach all den Jahren immerhin ein gut eingespieltes Team. Es bestand eine gewisse gegenseitige Verlässlichkeit, nein, es war mehr, es bestand eine völlig vertrauliche, fast schon intime Beziehung. Dafür, dass es mir so treu ergeben war, pflegte ich sein Äußeres wie eine ältere Dame ihre Hautfältchen. Jeder kleinste Rostansatz wurde kaschiert und poliert, so dass sein Aussehen um Jahre verjüngt wurde. Seinen Sattel habe ich immer wieder aufgepolstert, sämtliche Zahnrädchen und sonstige Gelenke mit Spezialöl behandelt, damit auch eine weitere Fahrt für meinen treuen Begleiter nicht zu anstrengend ward. Doch nun wurde diese innige Zweisamkeit durch Sie jäh unterbrochen. Wie es meinem lieben Drahtesel im Moment wohl geht? Sicher wird er auch mich vermissen, ich zumindest sehne mich nach ihm.

Was mir allerdings noch ein sehr großes Rätsel ist, ist eine weitere Entwendung Ihrerseits. Zu was bitteschön benötigen Sie ein quietschendes, verrostetes, völlig unfunktionelles, zum Teil deformiertes zweiteiliges Gartentürchen? Gut, es hatte keine große Funktion mehr, außer, dass es unliebsamen Besuchern klar machte, stopp, hier beginnt Marias Reich. Diese Tatsache hat Sie allerdings nicht davon abgehalten, dieses schwere Eisenteil aus allen vier Ankern zu wuchten und ebenfalls auf Ihr Fuhrwerk aufzuladen. Wollten Sie mir eventuell klar machen, dass es an der Zeit wäre, eine neue Pforte, vielleicht sogar größer, auf jeden Fall schöner, freundlicher, anzuschaffen? Gut, ich habe auch schon daran gedacht, mich von diesem wirklich nicht mehr zeitgemäßen Teil zu trennen, aber irgendwie hing mein Herz doch an ihm.

Auch wenn ich vielleicht irgendwann einmal mich dazu durchgerungen hätte, ein schönes neues Tor anfertigen zu lassen, hätte ich mich dennoch nicht vom alten getrennt. Es hätte gut in meinen wilden Garten gepasst, als Rankhilfe für den wilden Wein. Ich hätte es noch farblich passend zu meinen Kletterrosen anstreichen können, damit wäre sicher ein weiterer bunter Akzent in meiner grünen Laube gesetzt worden. Nun aber habe ich weder ein Tor noch eine Rankhilfe, vor meinem Haus gähnt ein großes Loch, das geradzu einladend auf jeden Langfinger wirkt.

Da ich annehme, dass Sie sicher aus reiner Fürsorge an meiner Person so bemüht sind, mich vor unnötigen oder gar schädlichen Gegenständen zu bewahren, wird mir Ihr Verhalten etwas erklärbar. Akzeptieren kann ich es allerdings nicht. Vielleicht hätten wir vorher miteinander darüber reden können? Ich mache mir nämlich ernsthaft Sorgen, worauf Sie wohl als nächstes Ihr Auge geworfen haben. Doch hoffentlich nicht auf mein niegel-nagel-neues, aus edelstem Blech gedecktes Hausdach?

Noch eine kleine Information an Sie: gestern kam meine beste Freundin Melek aus Deutschland hier an. Sie liebt es absolut nicht, wenn ihr fremde Personen einfach mein Grundstück betreten. Sie betrachtet es nämlich als ihr Territorium. Gut, sie würde Sie in meiner Abwesenheit sicher einlassen. Aber ich garantiere Ihnen, Sie könnten das Grundstück nicht mehr verlassen. Sie ist nicht nur schnell, sondern manchmal auch raffiniert und hinterlistig, weiblich eben. Ich pflege ihr Gebiss sehr gründlich. Sie erhält nicht nur regelmäßig noch fleischbestückte Rinderknochen, die sie in kürzester Zeit zu Mus zernagt, sie bekommt auch zusätzlich Vitamin D, damit ihre Zähne auch weiterhin kräftig zubeißen können.

Deshalb, in Ihrem Sinne, setzen Sie sich bitte bei weiterer Besorgmis um meine Person vorher mit mir in Verbindung. Wir können mit Sicherheit gemeinsam an einer Lösung unserer Probleme arbeiten.

Cok Selamlar,

Mit hochachtungsvollen Grüßen

Maria

PS: Heute kam ein weiterer Hurdacı bei mir vorbei, ich war allerdings gerade auf einem nachbarschaftlichen Plausch. Nur durch die laute Aufgeregtheit von Melek wurde ich auf ihn aufmerksam und sah, dass er nur noch mit einer halben Hose bekleidet, dafür aber spurtend, mein Grundstück verließ. Ich wollte ihm die zweite Hälfte seiner Hose, die Melek immer noch in ihrer Schnauze festhielt, noch geben, aber er wollte sie nicht haben …….