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27 Mai 2010

Türkische Gastfreundschaft – eine Selbstverständlichkeit

Posted by maria. No Comments

Die Gastfreundschaft vergesst nicht, denn dadurch haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.

Hebräer 13,2

Ja, so fühlte ich mich, als ich zum ersten Mal Gast in einem türkischen Haus war. Und so fühle ich mich auch heute noch, wenn ich als Gast geladen werde.

Ich erinnere mich noch gut daran, als ich zum ersten Mal vor 25 Jahren die Türkei bereiste. Wir machten eine Wanderung ins bergige Hinterland an der Südküste. Schon von Weitem sahen wir ein einsam gelegenes Haus am Rande einer Schlucht. Wir bemerkten auch, dass vor dem Haus eine Person stand, die ständig mit den Armen gestikulierte, als ob sie jemandem eine Nachricht zukommen ließ, fühlten uns allerdings nicht angesprochen und liefen weiter. Plötzlich hörten wir Rufe und sahen wieder zu dem Haus hinüber. Jetzt erkannten wir, dass es ein Mann war, der uns aufforderte zu ihm hinüber zu kommen. Und wir gingen zu ihm und seinem Haus, denn wir dachten, es wäre vielleicht etwas passiert und er braucht Hilfe. Umso erstaunter waren wir, als er uns freundlich in englischer Sprache begrüßte, willkommen hieß und uns zu einem Tee einlud. Es wurde eine unvergessene Stunde im Kreis einer jungen Familie.

Das ist meine erste Erinnerung an türkische Gastfreundschaft und viele sollten noch folgen.

Wir wandern gerne in den Bergen und wann immer es sich bietet, rasten wir auf diesen Wanderungen in einem Bergdorf. Schon beim Eintritt ins Dorf wird man von den Bewohnern mit einem freundlichen „Hos geldiniz“ (Herzlich willkommen) begrüßt. Und auf dem Rundgang durch das Dorf kommt man schnell mit den Menschen ins Gespräch. Sie sind freundlich, offen, herzlich und bisweilen eben auch neugierig. Eigentlich ist neugierig der falsche Begriff, ich nenne es lieber „Anteilnahme“. Anteilnahme am Leben eines Menschen, eines Gastes. Dazu gehört dann, dass man den Gast gerne erzählen lässt und aufmerksam zuhört. So kann es schon sein, dass aus zuerst einem Gesprächspartner plötzlich mehrere werden, Stühle auf die Straße gestellt werden und von irgendwoher ein Tee gereicht wird. Man hat bei solch einer Gelegenheit den Eindruck, der Gast bereichert ihr Leben, sie gehen mit dem Gast auf eine kulturelle Reise. Und sie schenken ihm ihre Zeit und Zuwendung. Sie teilen Essen und Trinken und geben dem Gast großen Raum in ihrem Leben.

Wie sagt ein türkisches Sprichwort: Je enger die Gassen, desto weiter die Herzen.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich anfangs oft beschämt war über diese Gastfreundschaft. War ich es einfach nicht mehr gewohnt, die Selbstverständlichkeit, als Fremder so unvoreingenommen und freundlich als Gast behandelt zu werden. Keinen störte meine Kleidung. Keinen störte, dass ich vielleicht nicht so perfekt Türkisch sprach. Keinen störte, dass ich eine andere Religion habe, obwohl es am Kreuz an meiner Halskette sichtbar war. Im Gegenteil. Alle freuten sich, dass wir uns in ihrer Heimat niedergelassen haben.

Und das ist auch heute noch so.

Mittlerweile ist unsere Familie kein vorübergehender Gast mehr in diesem Land. Wir werden, obwohl wir noch nicht die türkische Nationalität angenommen haben, als einer von ihnen angenommen. Wir gehören einfach dazu, wie selbstverständlich. Wir sind jetzt „yerli“. Es ist ein Geben und Nehmen, von beiden Seiten.

Auch ich habe viel gelernt. Gelernt, Gäste aufzunehmen ohne zu hinterfragen, den Anderen so anzunehmen, wie er ist. Ich habe gelernt, wieder Gastgeber zu sein. Nicht nur, wenn ich den Gast kenne und ihn vorher einlade. Nein, auch bei mir ist jetzt Jeder willkommener Gast. Wie oft sitzen gerade im Sommer, bei großer Hitze, Leute am Straßenrand um sich auszuruhen, wird an der Straße gearbeitet, fragen Menschen nach einer Wohnung in der Gegend. Keiner geht weiter ohne Wasser oder Tee, etwas Ruhe und ein unterhaltendes Gespräch.

Ein guter Gastgeber zu sein, bedeutet auch, Freunde gewinnen, Vorurteile abzubauen, Vertrauen gewinnen, Vorbild sein.

Dies wurde in mir von einem Volk wieder geweckt, welches es selber oft leider schwer hat, Gast in der Fremde zu sein.

17 Mai 2010

Türkei – Einzug ins Sommerhaus

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“Ich habe fertig” sagte Giovanni Trabattoni bei einer Pressekonferenz, stand auf und ging.

“Ich habe auch fertig”, aber nur den Großputz mit Rundumerneuerung und im Gegensatz zu Trabattoni bleibe ich, denn ich habe mich wieder für die nächsten Monate hier in Güre, einem kleinen Fischer- und Bergdorf, häuslich eingenistet. Den Winter und damit auch Istanbul, habe ich nun endgültig hinter mir gelassen um mich ganz in den Frühling und den kommenden Sommer an der Ägäis zu stürzen.

Zuerst wurde ausgemistet und der dünne Staub weggewedelt, der sich durch die schmalste Ritze Zugang in angeblich sicheres Terrain verschaffte. Ebenso habe ich sämtliches Kleingetier, das es sich die vergangenen Monate hier wohl sehr gemütlich eingerichtet hat, der Natur wieder zurück gegeben. Ich liebe zwar Mitbewohner, aber eben nicht alle. Sie dürfen sich gerne außerhalb meiner vier Wände eine neue Bleibe suchen. Ja, auf dem Gebiet bin ich etwas egoistisch, das hat mich die Vergangenheit so gelehrt und daran halte ich mich.

Entsorgt wurde auch ein gemütlich eingerichtetes Hundebett auf meiner überdachten Terrasse. So wie es aussah, haben hier während der Wintermonate mehrere Vierbeiner ein wohliges Zuhause gehabt. Woher sie die ganzen Zeitungen und Lumpen angeschleppt haben, bleibt ihr Geheimnis und mir die Entsorgung.

Dafür haben wir wieder Neuzugang unter dem Dach. Unser Schlafzimmer liegt im Dachgeschoss. Und genau über unseren Betten wohnen mehrere Vogelpaare, die fleißig damit beschäftigt sind, ihren Nachwuchs zu versorgen. Den Wecker kann ich mir derzeit sparen. Lange bevor der Muezzin zum Morgengebet ruft und die Sonne sich noch hinter dem Horizont versteckt, werden die neuen Mitbewohner aktiv, sehr aktiv sogar. Aber es ist eine angenehme Geräuschkulisse, wir werden die Einflugschneise nicht verschließen, wir werden mit dem Vogelgezwitscher weiter träumen.

Unser Dach hat diesen Winter eigentlich ganz gut überstanden, ich war hochzufrieden mit den Ausbesserungsarbeiten, die meinen Mann jedes Jahr aufs Neue in die Höhe treiben. Bei manchem unserer Nachbarn sah das gänzlich anders aus. Der Winter war wohl recht regenreich. Gefährlich für die Dächer sind dann die wolkenbruchartigen Niederschläge, begleitet mit einem gewaltigen Sturm, der die Dachplatten in sämtliche Richtungen bewegt um dann den Regen durch jedes Nadelöhr ins Innere zu treiben. Wenn das Wasser erst einmal seinen Weg gefunden hat, ist es ein Leichtes, gesammelt in den Wohnräumen sich niederzulassen. Und da hat leider so mancher Nachbar bei seinem Einzug ins Sommerhaus eine böse Überraschung erlebt. Nicht nur, dass Pfützen sich breit machten, die größten Pechvögel mussten sich zum Teil von Ihrer Einrichtung trennen. Das ist dann nicht nur ärgerlich, sondern auch traurig. So hörte man die letzten Tage von allen Seiten „gecmis olsun“, es soll gut vorbei gehen, die Anteilnahme war bei allen groß. Die Dachdecker und Maler haben derzeit Hochkonjunktur.

Des einen Freud, des anderen Leid, wie im richtigen Leben halt.

Aber es gab noch weitaus schlimmere Fälle. So stürmisch wie der Regen von oben kam, genauso turbulent, fast orkanartig, verhielt sich das Meer. Es wühlte sich regelrecht von unten in die ans Meer angrenzenden Gebäude, Wege und Gärten. Unterspülte Wege und Gärten, Gartenmauern, das alles kann man gut ersetzen oder richten, neu bepflanzen. Aber wenn dann das Haus in bester Lage, direkt am Meer, so unterspült wird, dass es teilweise einbricht, dann ist Schluss mit Lustig.

Man hört Stimmen, dass das Meer eben sein ihm genommenes Recht sich wieder zurück holt, gnadenlos. Die Landgewinnung hat schon vor Jahrzehnten begonnen. Man hat die Senken und Mulden trocken gelegt und mit Hüttenbau begonnen. Aus den Hütten wurden kleine Häuser, mittlerweile besiedeln Villen die begehrteste Lage direkt am Meer. Der Mensch wurde eben immer mutiger oder frecher, das Meer zog sich zurück und brauste nur ab und zu kurz auf, hinterließ aber keine nennenswerten Schäden. Bis auf diesen Winter. Nur kurz zeigte die Natur uns auf, wer Herr und wer Diener ist. Es wäre mein Wunsch, würden wir Menschen dies endlich respektvoll akzeptieren.

23 Apr 2010

Kinder sind unsere Zukunft – 23 Nisan

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Heute feierten wieder alle Kinder in der Türkei ihren eigenen Feiertag, heute ist 23 Nisan.

Seit 1920 gibt es diesen türkischen Feiertag, eingeführt von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk, ein Tag, der ganz den Kindern gewidmet ist.
Offiziell steht er unter dem Motto: Çocuklarımız geleceğimizdir – Unsere Kinder sind unsere Zukunft. Ein wunderbarer Gedanke.
Diesem schloss sich 1979 auch die UNO an, die den 23. April als Weltkindertag allen Kindern der Welt gewidmet und die Idee von Brüderlichkeit, Freundschaft und Liebe in die ganze Welt getragen hat. Seither heißt er auch “Internationales Kinderfest”.

Dieser Tag, der ein staatlicher Feiertag ist, wird von den Kindern wie auch von den Eltern immer mit viel Freude und Engagement erlebt. In den größeren Städten finden Umzüge oder Veranstaltungen in Stadien statt, die von den Kindern gestaltet werden.

In unserem Dorf wird so ein wichtiger Tag natürlich auch gefeiert. Die Kinder, Eltern, Mitbürger und die Honoratioren trafen sich auf dem großen Veranstaltungsplatz.
Es gab viele Musikvorführungen der Kinder, Tänze der verschiedensten ethnischen Gruppierungen, die Kinder waren dazu in den Originaltrachten gekleidet, die Lehrkräfte lasen verschiedene Geschichten vor und natürlich wurde auch die eine oder andere Rede gehalten.
Es war wieder einmal ein schönes Erlebnis.
Lassen wir die Bilder für sich sprechen.

15 Apr 2010

Abschied und Ankunft

Posted by maria. 2 Comments

“Güle güle” oder “Geh mit Lachen”,  sagten meine Nachbarn und Freunde, als ich mich von ihnen und damit auch aus Istanbul verabschiedete. Es wird kein Abschied für immer sein, aber dennoch für die kommenden Monate.

“Hos geldiniz” oder  “Herzlich willkommen”, sagten meine Nachbarn und Freunde hier in Akcay, als wir uns nach langen Wintermonaten endlich wieder sahen.

Abschied bedeutet nicht nur Trennung, Liebgewonnenes zurückzulassen, sondern heißt gleichzeitig auch Aufbruch, sich auf den Weg machen um Neues zu erfahren.
Wir nehmen daher alle unseren Abschied mit “Lachen”, in der Hoffnung auf ein gutes Wiedersehen.

Herzlich willkommen geheißen zu werden, ist mehr als nur eine banale, salopp dahergeredete Floskel. Man spürt dabei die warmherzige Aufnahme oder den Zugang in eine bestehende Gemeinschaft.

Und darauf freue ich mich sehr. Ist es doch nicht selbstverständlich, als Ausländer mit völlig anderem kulturellem Ethos so aufgenommen zu werden.

Da wir uns entschieden haben, in Istanbul nicht mit dem eigenen Auto unterwegs zu sein, sondern uns die öffentlichen Verkehrsmittel genügten, haben wir unsere Rückreise auch mit dem Fernbus angetreten. Wir finden es nicht nur entspannender, sondern auch sicherer, zumindest nach unseren bisherigen Erfahrungen.
Denn wenn etwas in der Türkei funktioniert, und vielleicht sogar besser als anderswo, dann ist es die Personenbeförderung im Nah- und Fernverkehr. Es spielt keine Rolle, ob man sich innerhalb der Stadt bewegt, oder ob man von Dorf zu Dorf fährt, oder gar eine große Reise von West nach Ost oder Nord nach Süd antritt. Man kommt immer und überall weiter. Und oft ist solch eine kurze oder lange Reise auch noch unterhaltsam – für mich zumindest.

In der Vorsaison ist es noch nicht nötig, sich schon eine Woche vor Antritt der Reise ein Billett mit Sitzplatzreservierung zu kaufen, während der großen Reisewellen, zu Ferienbeginn oder an Feiertagen, ist die Reservierung allerdings ein absolutes Muss. Da sind alle Reisebusgesellschaften ausgebucht.

So traten wir, bepackt mit Koffern, Taschen, Laptops und mehreren Handgepäckstücken unsere Reise an. Aber wir waren nicht die einzigen, die mit so viel Gepäck unterwegs waren. Im Gegenteil. Die Türken sind es gewohnt, mit sämtlichem Hab und Gut auf Reisen zu gehen. Oft verstaut in Kisten, Schachteln und Tüten, mal mehr oder weniger gut verschnürt, was dann des öfteren zu unangenehmen Überraschungen führen kann, wenn zum Beispiel die Kleidertasche plötzlich mit Olivenöl durchtränkt ist. Oder über den Koffer feinste getrockenete Tarhana-Suppe rieselt. Auch wenn manch ein Reisender dann fast dem Herzinfarkt nahe zu schimpfen beginnt, kommt bei mir eher die in der Türkei gelernte Gelassenheit zum Vorschein, denn ändern kann ich es ja doch nicht mehr.

Die achtstündige Busreise verlief sehr ruhig. Während der Fahrt wird man gut mit Getränken, warm oder kalt, und Knabbereien versorgt. Der Reisebegleiter, immer vorbildlich gekleidet – man könnte meinen, er geht anschließend in die Oper – höflich und zuvorkommend seinen Gästen gegenüber, ist immer bemüht, jeden Wunsch sofort zufrieden zu stellen.
Damit das ganze Unternehmen etwas kurzweiliger für die Gäste wird, sind in allen Fernreisebussen TV-Geräte eingebaut. Unser Bus hatte sogar den Luxus, dass jeder Gast seinen eigenen Bildschirm vor sich hatte, mit einer riesigen Auswahl an Musik und Filmen. Auch ich habe mich eine Stunde zu dieser Unterhaltung hinreißen lassen und habe mir das Nachmittagsprogramm eines türkischen Privatsenders angeschaut. Ein junger Student musste für seine kritischen Gäste ein mehrgängiges Menue kochen. Dass dabei einiges schief lief, am Schluss sämtliche Teller fast unberührt wieder in die Küche wanderten und der arme junge Mann sich der Kritik seiner Gäste stellen musste, führte bei mir zu manchem unkontrollierten lauten Lacher, der wiederum von sämtlichen Busreisenden mit einem ermahnenden Blick zu mir bestraft wurde. In den Fernreisebussen herrscht nämlich absolute Ruhe. Telefonieren ist z.B. nur gestattet, wenn dies so diskret und ruhig verläuft, dass nicht einmal der Vordermann davon gestört wird.

Aber daran halten sich eben nicht alle Reisegäste.
Etwa auf halber Strecke, der Bus hält dann immer zu einer längeren Rast bei einem ausgesuchten, oder gar selbst vom Reiseunternehmen betriebenen Rasthof an, damit der große Hunger gestillt werden kann, kamen plötzlich zwei neue Fahrgäste dazu, die von einem anderen Bus in den unsrigen umgestiegen sind. Da sie keine Sitzplatzreservierung hatten, setzten sie sich in die hinterste leere Reihe, der Mann ganz rechts, die Frau ganz links. Der höfliche Reisebegleiter ging nach wieder aufgenommener Fahrt zu ihnen nach hinten, um den Fahrpreis zu kassieren. Plötzlich, wie der Donnerschlag nach einem Blitz, erhob sich die Stimme der Frau auf eine Lautstärke, die auch den letzten Schläfer im Bus erwachen ließ. Ohne Luft zu holen, mit immer höherer Frequenz, machte sie dem Busbegleiter klar, und mit ihm allen Fahrgästen auch, dass sie nicht bereit ist, nochmals Geld zu löhnen, hätte sie im anderen Bus ja schließlich schon bis zu ihrem gewünschten Ziel bezahlt. Dass dieser nicht dorthin fuhr, wo sie hin wollte, spielte für sie keine Rolle. Da auch wir fast ganz hinten saßen, war der folgende Anblick nach vorne sehr erheiternd. Wie auf Kommando drehten sich alle, aber wirklich alle Köpfe um 180 Grad nach hinten. Fassungslos über die Lautstärke, die diese einzige Stimme verbreiten konnte, wiegten die Köpfe vor mir hin und her und brachten mit Gemurmel ihrem Unmut über die fast schon kreischende Stimme der neuen Mitreisenden zum Ausdruck. Und das schlimme war, sie hörte nicht auf, und der nun schon zu bedauernde Reisebegleiter konnte sie nicht überzeugen, dass sie im Unrecht war und ihrer Schuld nachkommen müsse. Im Bus kam dadurch Unruhe auf, die wiederum dem ebenfalls neu zugestiegenen Mann, der mit der Frau nichts persönliches zu tun hatte, peinlich wurde. So zückte dieser nochmals seine Geldbörse und bezahlte den ausstehenden Fahrpreis für seine Sitznachbarin. Mit hochrotem Kopf, den Blick stur auf den Boden gewandt, nahm der Busbegleiter das Geld und ging schnellen Schrittes auf seinen Platz neben dem Busfahrer zurück.
Ich war glücklich über diesen kleinen Zwischenfall, der doch meine unkontrollierten Lacher schnell zu Peanuts werden ließ.

Genau acht Stunden dauerte unsere Reise. Das Gepäck konnten wir unversehrt in Empfang nehmen, was wollten wir mehr. Wir sind wieder einmal gut zu Hause angekommen.

5 Apr 2010

Istanbul – ein lebendiges Mosaik

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Istanbul ist die Stadt der absoluten Vielfältigkeit. Hier ist nicht nur Europa und Asien vereint.

Auf der einen Seite der Moloch, der dich verschlingt und dir sämtliche Höhen und Tiefen gleichzeitig aufzeigt und an deinen Kräften sich auslutscht wie an einer Zitrone.

Auf der anderen Seite die Ruhe, die Natur, die dich nicht nur zum Träumen bringt, sondern, in der der Geist, die Seele, der Körper zur Erholung kommt, sich für kurze Zeit regeneriert, um sich dann wieder dem geballten Chaos zu stellen.

Istanbul, die Stadt der unzählbaren Kuppeln und Bögen, die den Wirrsal überspannen wie ein einziges Himmelsgewölbe. Sie bieten Zuflucht und Schutz im Gebet, ebenso wie Stütze und Halt vor Einsturz und Zerfall, sie präsentieren Größe und Reichtum gleichermaßen um gleichzeitig aufzuzeigen, welch ein Winzling darunter verborgen ist.

Ob man Istanbul hören will oder nicht, Istanbul verschafft sich Gehör, jede Sekunde bei Tag und bei Nacht. Und dennoch sitze ich oft da und lausche – lausche den Geräuschen, die mich beruhigen, mir Freude bereiten.

Kürzlich war ich auf Büyük Ada, einer der neun Inseln vor Istanbul. Hier ist die leise Sprache zuhause. Auf der Insel fahren keine Autos, keine Straßenverkäufer bieten ihre Waren an, ab und zu hört man den Muezzin zum Gebetsruf. Und ab und zu erschallt der Glockenklang der armenischen Kirche, auch sie ruft zum Gebet. Das sind dann die Momente, in denen ich gerne innehalte, mich anlehne am Gehörten, mich darüber freue, wie klar und stimmgewaltig der Muezzin seine Schäflein ruft und die Glocken ihm auf gleicher Höhe entgegen treten.

Ja, man hört Istanbul, man riecht Istanbul, man fühlt Istanbul.

Mit dem Riechen ist das so eine Sache, muss nicht unbedingt sein. Denn man erlebt ein Geruchskonzentrat der Kategorie undefinierbar–anstrengend–massiv. Eine schwere, gehaltvolle Mischung eben.

Am liebsten sehe und erlebe ich Istanbul. Ich fühle es und sauge es in mir auf. Dazu gehört, wie eingangs schon erwähnt, die Vielfältigkeit dieser Riesenstadt. Sie ist ein aus dem ganzen Land zusammengetragenes buntes Mosaik. Ein Bild, das nie endet, immer die Farben neu mischt, manchmal pastell, schemenhaft oder glasklar, gerne auch knallig bunt, schrill, aber immer unmissverständlich und fesselnd.

Aber immer hat man das Gefühl, jedes einzelne Mosaiksteinchen hat nicht nur seinen ihm zufällig zugewiesenen, angestammten Platz, nein, das gesamte Bild würde ohne dieses kleinste Mosaik an Wert verlieren, das Bild würde entstellt, an Kraft verlieren.

Täglich erlebt man dieses Bild mit immer neuen Nuancen, oft abgestimmt auf die eigene Gemütsverfassung. Aber immer mit dem Ergebnis, es ist kein Fragment, sondern ein Gefüge, in dem Jeder seine Berechtigung erfährt.

28 Mrz 2010

Istanbul – Markttag

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Gestern war Markttag in unserem Wohnviertel. Dies ist immer ein besonderer Tag im Alltag der Hausfrau, die dann auch das überwiegende Publikum auf den Marktstraßen stellt und somit Herrscherin über das Geschehen wird. Sie hat an diesem Tag die Macht in ihren Händen, den männlichen Verkäufern, und das ist die Überzahl, aufzuzeigen, wer hier und heute das Sagen hat.

Da so ein Wochenmarkt schon morgens früh seine Pforten öffnet, ist Frau natürlich auch früh auf den Beinen um nach Möglichkeit die beste Ware vor den Spätaufstehern zu ergattern. So ist es völlig normal, dass solch ein Einkaufstag der pflichtbewussten Hausfrau jeder Mitbewohner im Haus zu hören bekommt. Normal geht es in unserem Appartementhaus sehr ruhig einher. Man hört selten laute Gespräche oder sonstige Geräusche von den lieben Nachbarn. Außer Frau Nachbarin hat ihre Freundinnen zum Tee eingeladen. Dann kann es schon sein, dass für 2 Stunden deren reichhaltige Unterhaltung auch in meiner Wohnstube Einzug hält. Aber das ist nicht unbedingt als störend einzustufen, denn bis der Tee-Kreis sich das nächste Mal in dieser Wohnung wieder trifft, gehen doch ein paar Wochen ins Land, und in diesen herrscht dann wahrlich Ruhe.

Bis auf den einen, sich jede Woche wiederholenden Markttag. Unser Haus ist es gewohnt, morgens nicht vor 9.30 Uhr zu erwachen. Es herrscht Grabesstille. Jeder, der vor dieser Zeit schon das Haus verlassen muss, schleicht sich durch das Gebäude, so dass ja keiner gestört wird. An diesem besagten einen Tag aber in der Woche, steht ab morgens 7 Uhr schon das gesamte Haus, bis auf meine Wohnung, Kopf. Egal in welches Zimmer ich mich flüchte, von oben, von der Seite und auch von unten ertönt ein regelrechter Mischmasch an Geklapper, Geklirr, Gepolter und Tumult, dazwischen immer wieder die hohe Stimme der nervösen Hausfrauen, die zum schnelleren Aufbruch anheizen.

Ich gehöre nicht zu diesen Früh-Einkäufern. Ich gehe immer erst gegen Mittag, manchmal wird es auch Nachmittag, auf den Markt. So auch gestern. Meine Tochter wollte mich begleiten, hat sie doch nicht oft Gelegenheit dazu. So drückte ich ihr an der Haustür meinen Einkaufstrolli in die Hand und wollte gleich losgehen. Mademoiselle aber wehrte sich vehement, diesen Trolli zu nehmen.

„Mit so einem Ding laufe ich nicht auf die Straße.“

„Aber hier hat jeder so eine rollende Einkaufstasche, das ist bei uns normal“, sagte ich.

Auf eine große Diskussion wollte ich mich nicht einlassen, nahm den Trolli und wir zogen los. Der Markt fängt fast vor unserer Haustüre an und schlängelt sich durch viele Seitenstraßen und Gassen. Normalerweise ist mein Prinzip „Schnell rein – schnell raus“. Aber heute nahm ich mir doch mehr Zeit und einen größeren Geldbeutel mit, Mademoiselle zuliebe. Und es stellte sich heraus, dass ich damit nicht falsch lag.

Schon beim zweiten Stand blieb sie stehen und staunte, dass es ausgerechnet hier genau die Unterwäsche gab, die sie doch in Deutschland immer kaufte, allerdings wesentlich günstiger. Dies ist meist Ware, die in der Türkei produziert wird aber kleinere Fehler hat oder einfach nur aus einer Überproduktion stammt, die dann von den Händlern spottbillig aufgekauft wird. Und so standen wir, wie viele andere Frauen auch, an einem großen Wühltisch und suchten und suchten das passende Teil. Zum Schluss hatten wir acht Teile gekauft, waren schon fast eine Stunde unterwegs, haben aber erst einen Stand hinter uns gebracht.

„Das kann ja heiter werden, dachte ich mir.“

Und genauso ging es weiter. Wir wühlten uns durch die Menge, durch die Stände und erfreuten uns an dem ganz normalen Tumult. Jeder Standhändler preist lautstark seine Ware an, in der Hoffnung, dass man ihn ja nicht übersieht und bei ihm einkauft. Man wird ständig umworben – Abla (große Schwester – ist eine umgängliche Anrede) hier und Abla dort, es wird geschmeichelt und angepriesen. Bis wir endlich in der Gemüsestraße waren, war der Einkaufstrolli schon fast voll und der Geldbeutel fast leer.

Aber wir haben, trotz dem wir nicht bei den ersten Einkäufern waren, immer noch gute und leckere Sachen mit nach Hause gebracht. Und am Schluss blieb uns sogar noch Zeit, an der Ecke feinen türkischen Cay zu trinken und für den Hunger gab´s warmes Sulu Börek.

Übrigens, Mademoiselle hat den Einkaufstrolli fast durch den gesamten Markt gezogen, ohne dass sie es gemerkt hat !

23 Mrz 2010

Istanbul – Chora Kirche

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Nach einem kurzen Deutschland-Besuch bin ich wieder gut in Istanbul gelandet. Schon bei der Ankunft wurde ich mit Sonnenschein und Frühlingsluft empfangen. Eben ganz nach meinen Wünschen. Nun hoffe ich, dass sich auch hier die kalte Jahreszeit endgültig verabschiedet hat.

Wenn man auf die Straße geht, hat man das Gefühl, dass es wohl allen so geht. Zumindest hatte ich dieses Gefühl am Wochenende. Wohin man ging, waren Menschen über Menschen unterwegs. Ich bin ja schon einiges gewohnt, aber bei diesen Menschenmassen dachte ich, alle Istanbuler haben ihre Häuser verlassen und bewegen sich in der gleichen Spur wie ich. Die Cafes waren überfüllt, einen Platz zu ergattern war reine Glückssache. Die Strandpromenade war voll mit Familien. Während die Älteren genüsslich im Gras saßen und ihr erstes Picknick veranstalteten, tobten die Kinder mit dem Ball und ihren Vätern um die Wette. Draußen auf dem Meer sah man schon sämtliche Segelschulen mit ihren Schülern und ihren kleinen Jollen. Wie im Gänsemarsch segelten sie schön dem Leitboot hinterher.

So liebe ich Istanbul. Sonne, blauer Himmel, nicht zu heiß und immer etwas los.

Aber es wird nicht mehr lange dauern, dann wird sich die Hitze in den Betonmauern der Häuser und den Straßen festbeißen und der Aufenthalt in der Stadt wird zu einer Herausforderung an den menschlichen Körper. Dann steht die Hitze flimmernd vor dem Auge und treibt den Schweiß aus allen Poren. So viel Wasser kann man gar nicht kaufen, welches der Körper wie ein Schwamm aufsaugen möchte. Und die Abgase der Autos, vor allem während der Rash hour, stülpen dann einen gelblichen Film über die Stadt. Spätestens dann beginnt die türkische Völkerwanderung. Viele Istanbuler fliehen zum Sommerbeginn ans Meer in ihr zweites Zuhause. Die Küsten des Schwarzen Meeres, des Marmara Meeres oder der Ägäis werden dann für ein paar Monate ihr Zufluchtsort sein. Wer selbst keine Zweitwohnung dort hat, wird mit Sicherheit von Verwandten oder Freunden dazu eingeladen, sich für ein paar Wochen bei ihnen zu erholen.

Ich werde aber nicht warten, bis die große Hitze kommt, sondern werde mich schon bald von Istanbul verabschieden und den Frühling und Sommer an der Ägäis, der türkischen Olivenriviera verbringen. Meine Freundin hat heute schon angerufen, wann ich denn endlich komme um den Frühling zu riechen.

Vorher muss ich aber noch ein paar Besichtigungstouren mit meiner Tochter durch Istanbul machen. Sie schreibt derzeit an einer Jahresarbeit über die Stadt der zwei Herzen.

So waren wir gestern in einer wunderschönen ehemals byzantinischen Kirche, der Chorakirche, oder wie sie im türkischen genannt wird, Kariye Camii, im Stadtteil Edirnekapi. Kenner nennen sie ein Juwel an spätbyzantinischer Mosaikkunst, und das mit Recht. Ich war total begeistert über die beeindruckend restaurierten Kirchenmosaike.

Die Chorakirche, die heute ein Museum ist, war ursprünglich Bestandteil eines Klosters. Die heutige Form der Kirche geht zurück auf eine Stiftung des byzantinischen Kanzlers Theodoros Metochites. Er ließ in den Jahren 1315 bis 1321 die im Verfall begriffene Kirche von Grund auf restaurieren und mit umfangreichen Bilderzyklen ausschmücken. Die guterhaltenen Mosaikarbeiten zeigen in beeindruckender Weise das künstlerische Potenzial der Byzan

Es ist eine kleine Kirche, dafür aber umso schöner. Die 1948 vom »Byzantine Institute of America« wieder freigelegten Mosaike zeigen drei Erzählungen: das Leben der Mutter von Jesus, Maria, einen Bilderzyklus zur Jugendzeit Jesu sowie die Heilsgeschichte Jesu. Im Zentralraum der Kirche finden sich außerdem ein großes Christusporträt, ein Marienbild und eine Darstellung des Todes der Maria. Die gesamten Mosaiken folgen einer strengen ikonographischen Ordnung.

In der südlichen Seitenkapelle beherrschen qualitätsvolle Fresken das Bilderprogramm. Hier sind es die Themen der Auferstehung sowie das Jüngste Gericht.

Metochites war ein großer Humanist, Gelehrter und Staatsmann unter Kaiser Andronikos II. Unter Andronikos III. wurde er 1328 in den Kerker geworfen, gefoltert und verbannt, sein Besitz wurde beschlagnahmt und er wurde all seiner Ämter enthoben. Als ihm die Rückkehr 1330 nach Konstantinopel wieder gestattet wurde, zog er sich ins Chora Kloster zurück, wurde Mönch und nahm den Namen Theoleptos an. Seine Grabstätte befindet sich ebenfalls in der Kirche.

12 Mrz 2010

Istanbul – Tour zur Blauen Moschee

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Das Wetter ist derzeit in Istanbul nicht gerade zum Vorzeigen. Es ist nass, kalt und windig. Ein normaler Istanbuler verlässt bei diesem Wetter auch nicht freiwillig seine Wohnung, nur im Notfall, wenn der Kühlschrank leer ist. Ausgenommen natürlich die Leute, die zur Arbeit müssen. Der Rest genießt die Zeit zu Hause bei cay (Tee), kahve (Kaffee) und TV. Ich vermute, dass an solchen Tagen die Einschaltquoten sämtlicher Unterhaltungssendungen nach oben schnellen. Da wir keinen Fernseher haben, bin ich nicht immer auf dem Laufenden, was gerade im türkischen Fernsehen alles gezeigt wird. Ich weiß aber, dass immer eine dizi (Serie) läuft, die kein Türke versäumen darf. Dies sind keine amerikanischen Serien, die hier das Rennen machen, es sind türkische Dramen, aufregend, Herz zerreißend, spannend, dramatisch eben. Und dann gibt es wie in Deutschland, Kochsendungen und Talkshows ohne Ende. Diese Sendungen schaue ich mir dann beim Friseur an, so ganz nebenbei, wenn irgendwelche angeblich todsicher funktionierenden „Noch schöner machenden Packungen“ in meinem Haar seine Wirkung suchen. Mein Friseur hat da immer was auf Lager, damit ich lange bei ihm sitzen kann, natürlich nur, um die Talkshow fertig anzusehen! Meistens bin ich ihm dafür auch noch dankbar, denn eine türkische Talkshow kann ebenso dramatisch sein wie die dizi. Da kann es dann schon mal kurz zur Sache gehen, wenn z.B. Paare vor der Kamera sich streiten und um alles in der Welt keine Einigung in Sicht ist. Ich würde solch eine Sendung dann jedem deutschen Tatort vorziehen, rein der Spannung wegen natürlich.

Aber wir wollten ja dem schlechten Wetter trotzen und Istanbul bei Regen erkunden. Mit der richtigen Ausrüstung, Regenjacke, Mütze, Schirm und Gummistiefel, können uns auch die schwarzen, dicken Wolken nicht aufhalten. Gummistiefel sind an solchen Tagen unerlässlich. Hauptkleidungsstück würde ich sagen, denn man läuft oft von Pfütze zu Riesenpfütze und steht dabei schnell knöcheltief im Wasser.

Wir besuchen heute die berühmte Sultan Ahmet Moschee sowie die nahegelegene Yerebatan Zisterne von Istanbul.

Mit dem Dolmus (Sammeltaxi) fahren wir vom Stadtteil Erenköy bis zur Endstation in Kadiköy. Wir könnten nun direkt mit dem Fährschiff nach Eminönü auf der europäischen Seite fahren, ich habe mich aber dazu entschlossen, mit unseren Besuchern nach Karaköy zu fahren um dann mit ihnen zu Fuß über die Galatabrücke zu gehen. Ein kleiner Umweg, dafür einzigartig.

Eine Fahrt mit dem Feribot (Fährschiff) über den Bosporus, das blaue Ruhefeld zwischen Asien und Europa, ist immer ein Erlebnis. Man lässt sich treiben, fängt an zu träumen, hier ruht die Stadt. Kein Chaos, nur Fischerbote und Möven, die uns von Ufer zu Ufer begleiten, der Blick ruht auf der orientalischen Silhouette meisterhafter Architektur.

Nach ca. 20 Minuten Fahrtzeit legen wir in Karaköy an und sind sofort wieder mitten im städtischen bunten Treiben von Istanbul. Schon beim Verlassen des Schiffes werden einem die leckersten Speisen lautstark angeboten, es fällt einem fast schwer, sich zurückzuhalten.

Wir gehen aber zielstrebig Richtung Galatabrücke. Diese Brücke überspannt das Goldene Horn und verbindet damit Alt-Istanbul mit Neu-Istanbul. Sie ist in zwei Geschosse eingeteilt und man hat das Gefühl, sie liegt flach auf dem Wasser. Im unteren Bereich, auf dem wir als erstes bewundernd flanieren, befinden sich überwiegend kleine Restaurants und Cafes. Das Speiseangebot wird hauptsächlich von gegrilltem Fisch und feinsten Meeresfrüchten angeführt. Die Lokale sind alle sehr einladend und freundlich ausgestattet. Im Cafe nebenan genießt man nach dem Essen den türkischen Kaffee und wenn man viel Zeit hat, ist die Wasserpfeife dazu die richtige Entspannung mit Blick auf den Bosporus. Da die Brücke eine bewegliche Klappbrücke ist, die sich in der Mitte öffnen lässt, damit große Schiffe ins Goldene Horn einfahren können, müssen wir an dieser Stelle auf den oberen Brückenteil ausweichen. Wenn im unteren Teil noch recht geruhsam geschlendert werden kann, bietet sich oben wieder das wilde Zusammenspiel zwischen Autos, Bussen, Straßenbahn und Fußgängern. Und der Grund, dass wir uns in diesen Tumult einfügen wollen, sind die unzählbaren Fischer, die mit einer Eselsgeduld am Brückenrand stehen und ihre Ruten in die Tiefe halten, in der Hoffnung auf einen mehr oder weniger großen Fang.

Man sollte es nicht glauben, aber hier stehen mir scheint nur Profis. Jeder von ihnen hat eine solch umfangreiche Ausstattung an Angelutensilien und Ködern dabei, er könnte damit den ganzen Bosporus leer angeln. Und hat er doch ein Zubehör vergessen, es gibt viele Angler, die das Selbige garantiert gleichzeitig zum Verkauf anbieten. Für die Betrachtung dieses ungewöhnlichen Schauspiels, muss man sich etwas Zeit nehmen. Für mich ist der Gang über die Galatabrücke der Besuch einer lebendigen Bildergalerie.

In Alt-Istanbul endlich angekommen, gehen wir zielstrebig Richtung Straßenbahnhaltestelle. Wegen des schlechten Wetters verzichten wir auf den Fußmarsch und nehmen dafür den schnellen und bequemen Weg mit der Straßenbahn. Von der Haltestelle sind es nur noch ca. 5 Gehminuten bis zu unserem Ziel, die Sultan Ahmet Moschee, vielen auch bekannt als „Die blaue Moschee“.

Es ist ein einzigartiger Prachtbau. Schon beim Anblick auf das Gesamtgebäude staunt man fast ergriffen über das beeindruckende dreistöckige Kuppelgebilde, eingerahmt von 6 Minaretten.

Über den Vorhof, der von einem Arkadenumlauf umgeben ist, betreten wir den prachtvollen Innenraum. Dieser fast quadratische Gebetsraum wird von vier monumentalen Säulen getragen und überwölbt von einer gigantischen, mächtigen Kuppel.

Herausragend sind die über 21.000 Iznik-Kacheln, deren überwiegend blauen Farbtöne den Innenraum schmücken und dadurch zum Namensgeber der Moschee wurden. Die Fayancen sind gemustert mit Lilien, Tulpen, Rosen, Nelken und Zypressen. Eine Augenweide für den Betrachter. Durch über 200 Fenster, zum Teil Buntglasfenster, erhält der Innenraum ein imposantes Lichtspiel. Der Boden ist bedeckt mit einem roten Teppich, der dem Gebetsraum eine heimelige Wärme gibt. Einzelne Sitzbänke laden dazu ein, in Beschaulichkeit und Stille dieses Meisterwerk entspannt auf sich wirken zu lassen.

Der Bauherr dieser Moschee war Sultan Ahmet I. (1589-1617), der schon mit 14 Jahren den Thron bestieg. Er wollte sich mit diesem Bau ein repräsentatives Denkmal setzen, das die gegenüberliegende Hagia Sophia an Pracht übertreffen sollte. Architekt war Mehmet Aga, gebaut wurde von 1609-1616. Zum gesamten Komplex der Moschee, gehörten einst eine Medrese ebenso wie eine Karawanserei und das Mausoleum, leider ist davon nur noch das Mausoleum zu besichtigen. Hier ruhen Sultan Ahmet I., seine Gemahlin Kösem sowie seine drei Söhne, Osman II., Murat IV. und Prinz Beyazit.

Bevor wir zu Yerebatan Zisterne, die in einer Seitenstraße zwischen der Blauen Moschee und der Hagia Sophia liegt, weiter gehen, ist eine Zwischenmahlzeit in einem kleinen türkischen Lokanta mit heimischer Küche ein absolutes Muss.

9 Mrz 2010

Mit Erdbeben leben

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Den Erdbebenopfern in der Provinz Elazi spreche ich hiermit mein allergrößtes Mitgefühl aus. Basiniz sagolsun.

Wer in der Türkei lebt, weiß um die ständige Gefahr eines Erdbebens. Schwächere Beben finden fast täglich statt, ohne dass man diese direkt spürt. Und so lange diese ohne Schaden vorüber gehen, verdrängt man die Gefahr und seine eventuellen schrecklichen Folgen. Erst wenn wieder Menschen durch die schweren Erschütterungen ihr Leben lassen mussten, viele von einer Minute auf die andere obdachlos wurden und man dann die Bilder in den Medien sieht, wird man sich für kurze Zeit wieder der Bedrohung bewusst, mit der man täglich lebt. Man wird für einen Moment wieder dankbar, dass man heute dieser Gefährlichkeit entkommen ist.

Keiner geht nach solchen Meldungen sofort wieder zur Tagesordnung über. Jeder ist betroffen, man redet bei sämtlichen Gelegenheiten darüber und überall ist Anteilnahme und Mitgefühl spürbar. Wer kann, unterstützt nach seinen Möglichkeiten Hilfsmaßnahmen.

Ich kann mich noch gut an das große Erdbeben am 17. August 1999 in Izmit erinnern. Obwohl wir uns in dieser Nacht ca. 6 Autostunden entfernt, in Akcay, aufhielten, spürten wir auch dort die gewaltigen Erdbewegungen.

Ich habe mich erst kurz zuvor ins Bett gelegt und habe noch gelesen, als ein plötzlich lautes Rauschen, vergleichbar mit Donnergeräusch, die nächtliche Stille durchbrach. Fast gleichzeitig fing das Bett zu schwanken an, man meint, der Boden unter einem bewegt sich auf einer großen Welle, ohne festen Halt. Der Schrank wackelte und die Deckenbeleuchtung schaukelte immer schneller. Sofort wusste ich, dass Gefahr drohte. Schnell rannte ich mit meinem Mann in die Kinderzimmer, wir rissen die Kinder aus den Betten und dann nichts wie raus aus dem Haus. Bis wir draußen ankamen, war alles schon vorbei. 28 Sekunden dauerte die Bedrohung, ein kurzer Moment, der aber lt. Nachrichtenmeldungen 17.000 Menschen das Leben genommen hat.

In dieser Nacht kam kein Mensch mehr in unserer Umgebung zur Ruhe. Der Schock saß allen zu tief. Die Nachbarn liefen auf die Straße, jeder hatte Angst vor einem vielleicht noch größeren Nachbeben. Das schreckliche Ausmaß, das dieses Erdbeben anrichtete, konnte sich in dieser Nacht noch niemand vorstellen. Erst gegen Morgen erfuhren wir immer mehr über die tatsächliche Katastrophe. Der normale Alltag hielt inne, die Betroffenheit und Anteilnahme war zu groß, der Schreck lähmte uns alle. Viele unserer Nachbarn hatten Verwandte oder Freunde im betroffenen Erdbebengebiet. Der Kontakt zu diesen war allerdings abgebrochen. Telefonleitungen sowie die Stromversorgung waren auch bei uns unterbrochen. So wusste am ersten Tag keiner, ob Familienangehörige zu Schaden kamen oder nicht. Eine drückende, traurige Stimmung herrschte vor. Aber keine Untätigkeit. Es wurden schnelle Hilfslieferungen organisiert. Lastwagen, bepackt mit Spenden der Bevölkerung fuhren Richtung Istanbul. Betroffene Nachbarn fuhren los, um nach ihren Angehörigen zu sehen.
Die nächsten drei Nächte verbrachte kein Mensch in seinem Haus. Die Gehwege, freien Flächen weit weg von den nächsten Häusern, waren belegt mit Nachtlagern.
Es dauerte lange, bis wieder langsam der normale Alltag einkehrte.

4 Mrz 2010

Erinnerungen – Türkische Tierwelt

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Gerne erinnere ich mich immer wieder an unseren Einstieg in den türkischen Alltag. Er war oft geprägt von heiteren Erlebnissen unserer Unerfahrenheit. Täglich stellten wir fest, dass wir noch viel viel lernen müssen, nicht nur über Land und Leute, die Sprache und Kultur, sondern auch über die türkische Tierwelt. Und damit meine ich jetzt nicht die Katzen und Hunde, Schafe, Ziegen oder Esel mit denen wir auch unsere Erfahrungen machten. In dieser Geschichte geht es um kleine Exoten, die wir nur aus deutschen Zoohandlungen kannten.


Im Sommer leben wir wie viele türkische Stadtbewohner am Meer. Wir haben uns an der Westküste niedergelassen. Am Fuße des Ida-Gebirges, eingerahmt von Millionen Olivenbäumen, kann man hier die sommerliche Hitze gut aushalten.
Hinter unserem Haus wollten wir uns einen kleinen Gemüsegarten zulegen, ganz nach türkischer Art. Vor dem Haus die Rosen, hinter dem Haus den Nutzgarten. Da wir im Gemüseanbau aber nicht so erfahren waren, stand uns unser Nachbar gerne mit Rat und Tat zur Seite, damit auch wir eines Tages reiche Ernte einfahren können.

Nach vielen Tagen harter, schweißtreibender Urbanisierung nahm der Gemüsegarten nun schon fast gärtnerische Formen an. Die zwei Männer hatten sich wirklich große Mühe gegeben, alles war schön bepflanzt und wunderbar angewachsen. Stolz bewunderten sie jeden Abend ihr Werk und philosophierten über eine reiche Ernte. Die Pflänzchen standen wie Soldaten in Reih und Glied neben- und hintereinander. Unser Nachbar kontrollierte regelmäßig, ob wir auch die gezogenen Wassergräben um die Beete nach seiner Anweisung mit viel Wasser füllten. Aber mein Mann war ein guter Lehrling, es gab nie etwas auszusetzen. Kein Platz war ungenutzt, Gemüse und Kräuter bildeten eine aufeinander abgestimmte Einheit. Auch die anderen Nachbarn kamen und bestaunten den Fortschritt um unsere Haus. Jeder leistete noch einen wertvollen Beitrag zur Hege und Pflege unseres vielfältigen Gemüses. Oft brachten sie uns auch eine neue Sorte ihrer eigenen Pflanzen mit, die wir dankbar entgegennahmen und mit einsetzten. Jeder freute sich mit den Deutschen und ihrem neuen Garten. Er war eben ganz nach ihrem Geschmack angelegt. Mittlerweile steckte auch mich ihre Begeisterung an, obwohl ich ja zuerst nur viele Blumen und Wiese ums Haus wollte. Aber nun sah ich mich schon das eigene Gemüse ernten und daraus leckerste Gerichte kochen.

Für unsere Jungs war der Garten nicht so wichtig. Hatten sie doch viel Gewichtigeres auszukundschaften. Die Weite der Olivenhaine zog sie wie magisch an. Dort wurde aufgespürt und erkundet, jeden Tag etwas Neues entdeckt. Abends erzählten sie uns dann immer von den vielen unterschiedlichen Eidechsen die sie beobachtet hatten, von den kleinen Fischen im Wildbach, die sie zu fangen versuchten und von  so mancher Schlangenbegegnung. Ich hatte nicht immer ein gutes Gefühl, wenn sie loszogen, aber sie waren durch nichts aufzuhalten. Immer ausgerüstet mit ihren Steinschleudern, langen Stöcken und Gummistiefel an den Füßen gingen sie auf Entdeckungstour. Selbstverständlich brachten sie auch meistens etwas mit nach Hause. Obst oder Nüsse von wild wachsenden Bäumen, Pilze für die Küche, Wildschweinzähne, Tierhäute, Knochen von toten Tieren oder Schildkrötenpanzer. Ihre Hosentaschen waren immer gut gefüllt.

Eines Tages wollten sie uns wohl eine besondere Freude bereiten. Als sie am Abend nach Hause kamen, trug jeder von ihnen eine Schildkröte im Arm. Das war eine Aufregung. So große Schildkröten hatten wir noch nie gesehen. Sie waren viel größer als ein Männerkopf. Das waren Prachtexemplare. Wie ein Geschenk legten sie ihrem kleinen Bruder die Exoten vor die Füße. Er war nämlich noch zu klein und durfte sie noch nicht bei diesen Exkursionen  begleiten. So saßen wir alle auf der Terrasse und beobachteten und untersuchten diese wunderschönen Tiere. Wie alt die wohl waren? Die Kinder stellten viele Fragen, die wir aber leider auch nicht alle beantworten konnten. So freuten wir uns einfach mit ihnen am Anblick dieser neuen Entdeckung. Für die Jungs war es allerdings klar, dass wir diese Tiere nicht behalten konnten. Das waren keine Haus- oder Gartentiere, sie brauchten ihren eigenen gewohnten Lebensraum. Nachdem wir die Schildkröten ausgiebig bewundert hatten, bekamen sie als Nachtmahl einen ganzen Kopfsalat, den ich eigentlich für unser Abendessen zubereiten wollte. Aber wir verzichteten gerne darauf.

Mittlerweile ist es aber schon zu spät geworden, die Tiere wieder in den Olivenhain zurückzubringen. So versprachen uns die Jungs, dies gleich am nächsten Morgen zu erledigen. Den Schildkröten konnte nachts nichts passieren, unser Grundstück war mit einer Mauer umzäunt, sie konnten also nicht auf die Straße entwischen. Bevor wir dann zu Bett gingen kontrollierten wir noch einmal die Lage und waren zufrieden und glücklich mit dieser neuen Begegnung. Die drei saßen unter unserem Erikbaum (Marillenbaum) und waren eher verängstigt, als unternehmungslustig. Wir konnten also beruhigt schlafen gehen.
Es wäre allerdings klüger gewesen, wenn wir uns über Schildkröten und ihre Lebensweise etwas mehr Gedanken gemacht hätten. Wir waren lediglich über ihre Größe und ihr Aussehen fasziniert und darüber, solche Tiere einmal hautnah zu erleben. Das war ein großer Fehler unsererseits.

Am nächsten Morgen, gleich nach dem Aufstehen, war der erste Gang der Kinder sofort zu ihren großen Exoten. Es blieb allerdings sehr ruhig, fast zu ruhig. Ich dachte mir aber noch nichts dabei. Bis einer von ihnen dann zu mir ins Bad kam, etwas zerknirscht, das fiel sofort auf. “Ist alles in Ordnung mit euren Tieren?” fragte ich. “Ja, mit den Tieren schon,” war seine knappe Antwort “aber du solltest vielleicht mal mitkommen. Und bitte Mama, reg dich nicht auf. Wir werden alles wieder richten.” Nun wurde ich aber hellhörig, konnte mir aber nicht vorstellen, was passiert sein sollte. Es waren doch nur drei Schildkröten. Noch ganz ruhig lief ich zu den anderen Kindern auf die Terrasse. Die standen nur da, schauten mich groß an aber keiner sagte etwas. “He Jungs, ist das ein neues Spiel?” fragte ich und lief in den Garten. “Oh mein Gott” schrie ich aus Leibes Kräften. Unser Garten war weg – wir hatten keinen Garten mehr, zumindest keinen Gemüsegarten. Kahlgefressen – alles war kahlgefressen. Da stand kein Halm mehr – nichts. Sollte ich jetzt schreien oder heulen? Ich schrie! “Weg mit diesen Tieren, aber sofort, vor dem Frühstück, und das ganz schnell!” Plötzlich waren diese Schildkröten keine bewundernswerten Tierchen mehr für mich. In diesem Moment mutierten sie in meinen Augen zu Monstern.
Die Jungs verstanden. So schnell diese Fresser da waren, noch schneller waren sie wieder fort. Auf Nimmerwiedersehen.

“Mein armer Mann”, dachte ich, “mein armer Nachbar, wie bring ich dem diesen Verlust bei”. Dessen Antwort war allerdings nur “gecmis olsun” (es soll schnell vorbei sein).
Seit diesem Tag, bis heute, gibt es nur noch eine große Terrasse, viele Blumen und viele Obstbäume in unserem Garten. Das Gemüse kaufe ich wie gewohnt auf dem Markt.