9 Mrz 2010

Mit Erdbeben leben

Posted by maria

Den Erdbebenopfern in der Provinz Elazi spreche ich hiermit mein allergrößtes Mitgefühl aus. Basiniz sagolsun.

Wer in der Türkei lebt, weiß um die ständige Gefahr eines Erdbebens. Schwächere Beben finden fast täglich statt, ohne dass man diese direkt spürt. Und so lange diese ohne Schaden vorüber gehen, verdrängt man die Gefahr und seine eventuellen schrecklichen Folgen. Erst wenn wieder Menschen durch die schweren Erschütterungen ihr Leben lassen mussten, viele von einer Minute auf die andere obdachlos wurden und man dann die Bilder in den Medien sieht, wird man sich für kurze Zeit wieder der Bedrohung bewusst, mit der man täglich lebt. Man wird für einen Moment wieder dankbar, dass man heute dieser Gefährlichkeit entkommen ist.

Keiner geht nach solchen Meldungen sofort wieder zur Tagesordnung über. Jeder ist betroffen, man redet bei sämtlichen Gelegenheiten darüber und überall ist Anteilnahme und Mitgefühl spürbar. Wer kann, unterstützt nach seinen Möglichkeiten Hilfsmaßnahmen.

Ich kann mich noch gut an das große Erdbeben am 17. August 1999 in Izmit erinnern. Obwohl wir uns in dieser Nacht ca. 6 Autostunden entfernt, in Akcay, aufhielten, spürten wir auch dort die gewaltigen Erdbewegungen.

Ich habe mich erst kurz zuvor ins Bett gelegt und habe noch gelesen, als ein plötzlich lautes Rauschen, vergleichbar mit Donnergeräusch, die nächtliche Stille durchbrach. Fast gleichzeitig fing das Bett zu schwanken an, man meint, der Boden unter einem bewegt sich auf einer großen Welle, ohne festen Halt. Der Schrank wackelte und die Deckenbeleuchtung schaukelte immer schneller. Sofort wusste ich, dass Gefahr drohte. Schnell rannte ich mit meinem Mann in die Kinderzimmer, wir rissen die Kinder aus den Betten und dann nichts wie raus aus dem Haus. Bis wir draußen ankamen, war alles schon vorbei. 28 Sekunden dauerte die Bedrohung, ein kurzer Moment, der aber lt. Nachrichtenmeldungen 17.000 Menschen das Leben genommen hat.

In dieser Nacht kam kein Mensch mehr in unserer Umgebung zur Ruhe. Der Schock saß allen zu tief. Die Nachbarn liefen auf die Straße, jeder hatte Angst vor einem vielleicht noch größeren Nachbeben. Das schreckliche Ausmaß, das dieses Erdbeben anrichtete, konnte sich in dieser Nacht noch niemand vorstellen. Erst gegen Morgen erfuhren wir immer mehr über die tatsächliche Katastrophe. Der normale Alltag hielt inne, die Betroffenheit und Anteilnahme war zu groß, der Schreck lähmte uns alle. Viele unserer Nachbarn hatten Verwandte oder Freunde im betroffenen Erdbebengebiet. Der Kontakt zu diesen war allerdings abgebrochen. Telefonleitungen sowie die Stromversorgung waren auch bei uns unterbrochen. So wusste am ersten Tag keiner, ob Familienangehörige zu Schaden kamen oder nicht. Eine drückende, traurige Stimmung herrschte vor. Aber keine Untätigkeit. Es wurden schnelle Hilfslieferungen organisiert. Lastwagen, bepackt mit Spenden der Bevölkerung fuhren Richtung Istanbul. Betroffene Nachbarn fuhren los, um nach ihren Angehörigen zu sehen.
Die nächsten drei Nächte verbrachte kein Mensch in seinem Haus. Die Gehwege, freien Flächen weit weg von den nächsten Häusern, waren belegt mit Nachtlagern.
Es dauerte lange, bis wieder langsam der normale Alltag einkehrte.

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4 Responses to “Mit Erdbeben leben”

  1. Cümleten gecmis olsun!

     

    Kenan

  2. Hallo Maria,
    vielen Dank für Deine Erzählungen, die ich heute zufällig entdeckt habe. Eigentlich wollte ich mich über das Klima in Akcay informieren. Wie sind die Winter, wie ist es generell (sehr windig oder nicht….)
    Bezeichnet man Akcay eigentlich als Erdbebengiebt der 1. Stufe?

    Ja, viele Fragen…. Vielleicht kann ich die Antworten in Deinen Geschichten finden.

     

    Emel

  3. Hallo Emel,
    danke, dass du meine Seite gefunden hast. Ich hoffe, sie gefällt dir.
    Nachdem ich hier im Kommentarbereich versucht habe, deine Fragen zu beantworten, stellte ich fest, dass es doch umfangreicher ist als gedacht und ich daher so schnell wie möglich einen eigenen Artikel darüber schreiben werde. Es lohnt sich, über Akcay zu berichten. Für mich ist das Leben hier während jeder Jahreszeit eine Bereicherung – lass dich einfach überraschen, ich denke übers Wochenende finde ich Zeit zum Schreiben. Wenn du noch Fragen bis dahin hast, die ich evtl. einarbeiten kann, nur zu, ich beantworte gerne alles.
    Liebe Grüße
    Maria

     

    maria

  4. Hallo Maria,
    habe ich etwas verpasst? Wie geht es Dir? Hast Du Zeit zum Schreiben gefunden?

    Wie ist eigentlich die gesundheitliche VErsorgung im Notfall (Herz, Schlaganfall etc.)? Du siehst, viele Fragen….

    Pass auf Dich auf und lass mal wieder was von Dir lesen.

    LG
    Emel

     

    Emel

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