5 Apr 2010
Istanbul – ein lebendiges Mosaik
Istanbul ist die Stadt der absoluten Vielfältigkeit. Hier ist nicht nur Europa und Asien vereint.
Auf der einen Seite der Moloch, der dich verschlingt und dir sämtliche Höhen und Tiefen gleichzeitig aufzeigt und an deinen Kräften sich auslutscht wie an einer Zitrone.
Auf der anderen Seite die Ruhe, die Natur, die dich nicht nur zum Träumen bringt, sondern, in der der Geist, die Seele, der Körper zur Erholung kommt, sich für kurze Zeit regeneriert, um sich dann wieder dem geballten Chaos zu stellen.
Istanbul, die Stadt der unzählbaren Kuppeln und Bögen, die den Wirrsal überspannen wie ein einziges Himmelsgewölbe. Sie bieten Zuflucht und Schutz im Gebet, ebenso wie Stütze und Halt vor Einsturz und Zerfall, sie präsentieren Größe und Reichtum gleichermaßen um gleichzeitig aufzuzeigen, welch ein Winzling darunter verborgen ist.
Ob man Istanbul hören will oder nicht, Istanbul verschafft sich Gehör, jede Sekunde bei Tag und bei Nacht. Und dennoch sitze ich oft da und lausche – lausche den Geräuschen, die mich beruhigen, mir Freude bereiten.
Kürzlich war ich auf Büyük Ada, einer der neun Inseln vor Istanbul. Hier ist die leise Sprache zuhause. Auf der Insel fahren keine Autos, keine Straßenverkäufer bieten ihre Waren an, ab und zu hört man den Muezzin zum Gebetsruf. Und ab und zu erschallt der Glockenklang der armenischen Kirche, auch sie ruft zum Gebet. Das sind dann die Momente, in denen ich gerne innehalte, mich anlehne am Gehörten, mich darüber freue, wie klar und stimmgewaltig der Muezzin seine Schäflein ruft und die Glocken ihm auf gleicher Höhe entgegen treten.
Ja, man hört Istanbul, man riecht Istanbul, man fühlt Istanbul.
Mit dem Riechen ist das so eine Sache, muss nicht unbedingt sein. Denn man erlebt ein Geruchskonzentrat der Kategorie undefinierbar–anstrengend–massiv. Eine schwere, gehaltvolle Mischung eben.
Am liebsten sehe und erlebe ich Istanbul. Ich fühle es und sauge es in mir auf. Dazu gehört, wie eingangs schon erwähnt, die Vielfältigkeit dieser Riesenstadt. Sie ist ein aus dem ganzen Land zusammengetragenes buntes Mosaik. Ein Bild, das nie endet, immer die Farben neu mischt, manchmal pastell, schemenhaft oder glasklar, gerne auch knallig bunt, schrill, aber immer unmissverständlich und fesselnd.
Aber immer hat man das Gefühl, jedes einzelne Mosaiksteinchen hat nicht nur seinen ihm zufällig zugewiesenen, angestammten Platz, nein, das gesamte Bild würde ohne dieses kleinste Mosaik an Wert verlieren, das Bild würde entstellt, an Kraft verlieren.
Täglich erlebt man dieses Bild mit immer neuen Nuancen, oft abgestimmt auf die eigene Gemütsverfassung. Aber immer mit dem Ergebnis, es ist kein Fragment, sondern ein Gefüge, in dem Jeder seine Berechtigung erfährt.







Hallo maria,
ich muss anerkennend gestehen, es tut fast schon weh Ihren Blog zu lese
n. Authentisch und direkt am Puls der Stadt, lässt es uns Ausgezogene die Distanz und den Verlust nur noch stärker spüren. Und Ihre Bilder ertränken das letzte Stück Rationalität im Bad unserer eigentlich hintangeschobenen Emotionen.
Ich lese Ihre Beiträge zwar mit einer guten Portion Fernweh, aber dafür umso lieber. Bitte noch mehr davon
Schöne Grüße
Engin
Engin Karahan
Mai 21st, 2010 at 16:00permalink
Hallo Engin,
danke, dass Ihnen der blog gefällt.
Ich möchte Ihnen natürlich nicht weh tun, aber wenn ich nur einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dass die Wurzeln der Heimat bei den Ausgezogenen nicht ganz in Vergessenheit geraten, bin ich zufrieden. Eine türkische Freundin in Deutschland sagte mir einmal, “bitte Maria, erzähl meinen Kindern mehr aus der Türkei, mir glauben sie es nicht”. Mach ich doch gerne, denn die bunte Vielfalt im türkischen Alltag sind grenzenlos.
Liebe Grüße
Maria
maria
Mai 29th, 2010 at 12:06permalink