15 Apr 2010
Abschied und Ankunft
“Güle güle” oder “Geh mit Lachen”, sagten meine Nachbarn und Freunde, als ich mich von ihnen und damit auch aus Istanbul verabschiedete. Es wird kein Abschied für immer sein, aber dennoch für die kommenden Monate.
“Hos geldiniz” oder “Herzlich willkommen”, sagten meine Nachbarn und Freunde hier in Akcay, als wir uns nach langen Wintermonaten endlich wieder sahen.
Abschied bedeutet nicht nur Trennung, Liebgewonnenes zurückzulassen, sondern heißt gleichzeitig auch Aufbruch, sich auf den Weg machen um Neues zu erfahren.
Wir nehmen daher alle unseren Abschied mit “Lachen”, in der Hoffnung auf ein gutes Wiedersehen.
Herzlich willkommen geheißen zu werden, ist mehr als nur eine banale, salopp dahergeredete Floskel. Man spürt dabei die warmherzige Aufnahme oder den Zugang in eine bestehende Gemeinschaft.
Und darauf freue ich mich sehr. Ist es doch nicht selbstverständlich, als Ausländer mit völlig anderem kulturellem Ethos so aufgenommen zu werden.
Da wir uns entschieden haben, in Istanbul nicht mit dem eigenen Auto unterwegs zu sein, sondern uns die öffentlichen Verkehrsmittel genügten, haben wir unsere Rückreise auch mit dem Fernbus angetreten. Wir finden es nicht nur entspannender, sondern auch sicherer, zumindest nach unseren bisherigen Erfahrungen.
Denn wenn etwas in der Türkei funktioniert, und vielleicht sogar besser als anderswo, dann ist es die Personenbeförderung im Nah- und Fernverkehr. Es spielt keine Rolle, ob man sich innerhalb der Stadt bewegt, oder ob man von Dorf zu Dorf fährt, oder gar eine große Reise von West nach Ost oder Nord nach Süd antritt. Man kommt immer und überall weiter. Und oft ist solch eine kurze oder lange Reise auch noch unterhaltsam – für mich zumindest.
In der Vorsaison ist es noch nicht nötig, sich schon eine Woche vor Antritt der Reise ein Billett mit Sitzplatzreservierung zu kaufen, während der großen Reisewellen, zu Ferienbeginn oder an Feiertagen, ist die Reservierung allerdings ein absolutes Muss. Da sind alle Reisebusgesellschaften ausgebucht.
So traten wir, bepackt mit Koffern, Taschen, Laptops und mehreren Handgepäckstücken unsere Reise an. Aber wir waren nicht die einzigen, die mit so viel Gepäck unterwegs waren. Im Gegenteil. Die Türken sind es gewohnt, mit sämtlichem Hab und Gut auf Reisen zu gehen. Oft verstaut in Kisten, Schachteln und Tüten, mal mehr oder weniger gut verschnürt, was dann des öfteren zu unangenehmen Überraschungen führen kann, wenn zum Beispiel die Kleidertasche plötzlich mit Olivenöl durchtränkt ist. Oder über den Koffer feinste getrockenete Tarhana-Suppe rieselt. Auch wenn manch ein Reisender dann fast dem Herzinfarkt nahe zu schimpfen beginnt, kommt bei mir eher die in der Türkei gelernte Gelassenheit zum Vorschein, denn ändern kann ich es ja doch nicht mehr.
Die achtstündige Busreise verlief sehr ruhig. Während der Fahrt wird man gut mit Getränken, warm oder kalt, und Knabbereien versorgt. Der Reisebegleiter, immer vorbildlich gekleidet – man könnte meinen, er geht anschließend in die Oper – höflich und zuvorkommend seinen Gästen gegenüber, ist immer bemüht, jeden Wunsch sofort zufrieden zu stellen.
Damit das ganze Unternehmen etwas kurzweiliger für die Gäste wird, sind in allen Fernreisebussen TV-Geräte eingebaut. Unser Bus hatte sogar den Luxus, dass jeder Gast seinen eigenen Bildschirm vor sich hatte, mit einer riesigen Auswahl an Musik und Filmen. Auch ich habe mich eine Stunde zu dieser Unterhaltung hinreißen lassen und habe mir das Nachmittagsprogramm eines türkischen Privatsenders angeschaut. Ein junger Student musste für seine kritischen Gäste ein mehrgängiges Menue kochen. Dass dabei einiges schief lief, am Schluss sämtliche Teller fast unberührt wieder in die Küche wanderten und der arme junge Mann sich der Kritik seiner Gäste stellen musste, führte bei mir zu manchem unkontrollierten lauten Lacher, der wiederum von sämtlichen Busreisenden mit einem ermahnenden Blick zu mir bestraft wurde. In den Fernreisebussen herrscht nämlich absolute Ruhe. Telefonieren ist z.B. nur gestattet, wenn dies so diskret und ruhig verläuft, dass nicht einmal der Vordermann davon gestört wird.
Aber daran halten sich eben nicht alle Reisegäste.
Etwa auf halber Strecke, der Bus hält dann immer zu einer längeren Rast bei einem ausgesuchten, oder gar selbst vom Reiseunternehmen betriebenen Rasthof an, damit der große Hunger gestillt werden kann, kamen plötzlich zwei neue Fahrgäste dazu, die von einem anderen Bus in den unsrigen umgestiegen sind. Da sie keine Sitzplatzreservierung hatten, setzten sie sich in die hinterste leere Reihe, der Mann ganz rechts, die Frau ganz links. Der höfliche Reisebegleiter ging nach wieder aufgenommener Fahrt zu ihnen nach hinten, um den Fahrpreis zu kassieren. Plötzlich, wie der Donnerschlag nach einem Blitz, erhob sich die Stimme der Frau auf eine Lautstärke, die auch den letzten Schläfer im Bus erwachen ließ. Ohne Luft zu holen, mit immer höherer Frequenz, machte sie dem Busbegleiter klar, und mit ihm allen Fahrgästen auch, dass sie nicht bereit ist, nochmals Geld zu löhnen, hätte sie im anderen Bus ja schließlich schon bis zu ihrem gewünschten Ziel bezahlt. Dass dieser nicht dorthin fuhr, wo sie hin wollte, spielte für sie keine Rolle. Da auch wir fast ganz hinten saßen, war der folgende Anblick nach vorne sehr erheiternd. Wie auf Kommando drehten sich alle, aber wirklich alle Köpfe um 180 Grad nach hinten. Fassungslos über die Lautstärke, die diese einzige Stimme verbreiten konnte, wiegten die Köpfe vor mir hin und her und brachten mit Gemurmel ihrem Unmut über die fast schon kreischende Stimme der neuen Mitreisenden zum Ausdruck. Und das schlimme war, sie hörte nicht auf, und der nun schon zu bedauernde Reisebegleiter konnte sie nicht überzeugen, dass sie im Unrecht war und ihrer Schuld nachkommen müsse. Im Bus kam dadurch Unruhe auf, die wiederum dem ebenfalls neu zugestiegenen Mann, der mit der Frau nichts persönliches zu tun hatte, peinlich wurde. So zückte dieser nochmals seine Geldbörse und bezahlte den ausstehenden Fahrpreis für seine Sitznachbarin. Mit hochrotem Kopf, den Blick stur auf den Boden gewandt, nahm der Busbegleiter das Geld und ging schnellen Schrittes auf seinen Platz neben dem Busfahrer zurück.
Ich war glücklich über diesen kleinen Zwischenfall, der doch meine unkontrollierten Lacher schnell zu Peanuts werden ließ.
Genau acht Stunden dauerte unsere Reise. Das Gepäck konnten wir unversehrt in Empfang nehmen, was wollten wir mehr. Wir sind wieder einmal gut zu Hause angekommen.



Hallo Maria,
vielen Dank für die schöne Erzählung. So vieles davon erinnert mich an meine Fahrten zwischen Istanbul und meiner Heimatstadt Tokat. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie viel Spaß, Glück und Erfolg in der Türkei.
MfG
Bekir
Bekir Altas
April 20th, 2010 at 21:58permalink
Danke für Ihre Wünsche.
Es freut mich, wenn ich, wie bei Ihnen, Erinnerungen wecke.
Aus Ihrer Heimat zu erzählen ist für mich auch Dank an dieses Land und sein Volk, das mir und meiner Familie schon so viel gegeben hat.
LG
Maria
maria
April 22nd, 2010 at 21:31permalink
Good article!!!
Synthroid
Dezember 14th, 2010 at 13:06permalink