17 Mai 2010
Türkei – Einzug ins Sommerhaus
“Ich habe fertig” sagte Giovanni Trabattoni bei einer Pressekonferenz, stand auf und ging.
“Ich habe auch fertig”, aber nur den Großputz mit Rundumerneuerung und im Gegensatz zu Trabattoni bleibe ich, denn ich habe mich wieder für die nächsten Monate hier in Güre, einem kleinen Fischer- und Bergdorf, häuslich eingenistet. Den Winter und damit auch Istanbul, habe ich nun endgültig hinter mir gelassen um mich ganz in den Frühling und den kommenden Sommer an der Ägäis zu stürzen.
Zuerst wurde ausgemistet und der dünne Staub weggewedelt, der sich durch die schmalste Ritze Zugang in angeblich sicheres Terrain verschaffte. Ebenso habe ich sämtliches Kleingetier, das es sich die vergangenen Monate hier wohl sehr gemütlich eingerichtet hat, der Natur wieder zurück gegeben. Ich liebe zwar Mitbewohner, aber eben nicht alle. Sie dürfen sich gerne außerhalb meiner vier Wände eine neue Bleibe suchen. Ja, auf dem Gebiet bin ich etwas egoistisch, das hat mich die Vergangenheit so gelehrt und daran halte ich mich.
Entsorgt wurde auch ein gemütlich eingerichtetes Hundebett auf meiner überdachten Terrasse. So wie es aussah, haben hier während der Wintermonate mehrere Vierbeiner ein wohliges Zuhause gehabt. Woher sie die ganzen Zeitungen und Lumpen angeschleppt haben, bleibt ihr Geheimnis und mir die Entsorgung.
Dafür haben wir wieder Neuzugang unter dem Dach. Unser Schlafzimmer liegt im Dachgeschoss. Und genau über unseren Betten wohnen mehrere Vogelpaare, die fleißig damit beschäftigt sind, ihren Nachwuchs zu versorgen. Den Wecker kann ich mir derzeit sparen. Lange bevor der Muezzin zum Morgengebet ruft und die Sonne sich noch hinter dem Horizont versteckt, werden die neuen Mitbewohner aktiv, sehr aktiv sogar. Aber es ist eine angenehme Geräuschkulisse, wir werden die Einflugschneise nicht verschließen, wir werden mit dem Vogelgezwitscher weiter träumen.
Unser Dach hat diesen Winter eigentlich ganz gut überstanden, ich war hochzufrieden mit den Ausbesserungsarbeiten, die meinen Mann jedes Jahr aufs Neue in die Höhe treiben. Bei manchem unserer Nachbarn sah das gänzlich anders aus. Der Winter war wohl recht regenreich. Gefährlich für die Dächer sind dann die wolkenbruchartigen Niederschläge, begleitet mit einem gewaltigen Sturm, der die Dachplatten in sämtliche Richtungen bewegt um dann den Regen durch jedes Nadelöhr ins Innere zu treiben. Wenn das Wasser erst einmal seinen Weg gefunden hat, ist es ein Leichtes, gesammelt in den Wohnräumen sich niederzulassen. Und da hat leider so mancher Nachbar bei seinem Einzug ins Sommerhaus eine böse Überraschung erlebt. Nicht nur, dass Pfützen sich breit machten, die größten Pechvögel mussten sich zum Teil von Ihrer Einrichtung trennen. Das ist dann nicht nur ärgerlich, sondern auch traurig. So hörte man die letzten Tage von allen Seiten „gecmis olsun“, es soll gut vorbei gehen, die Anteilnahme war bei allen groß. Die Dachdecker und Maler haben derzeit Hochkonjunktur.
Des einen Freud, des anderen Leid, wie im richtigen Leben halt.
Aber es gab noch weitaus schlimmere Fälle. So stürmisch wie der Regen von oben kam, genauso turbulent, fast orkanartig, verhielt sich das Meer. Es wühlte sich regelrecht von unten in die ans Meer angrenzenden Gebäude, Wege und Gärten. Unterspülte Wege und Gärten, Gartenmauern, das alles kann man gut ersetzen oder richten, neu bepflanzen. Aber wenn dann das Haus in bester Lage, direkt am Meer, so unterspült wird, dass es teilweise einbricht, dann ist Schluss mit Lustig.
Man hört Stimmen, dass das Meer eben sein ihm genommenes Recht sich wieder zurück holt, gnadenlos. Die Landgewinnung hat schon vor Jahrzehnten begonnen. Man hat die Senken und Mulden trocken gelegt und mit Hüttenbau begonnen. Aus den Hütten wurden kleine Häuser, mittlerweile besiedeln Villen die begehrteste Lage direkt am Meer. Der Mensch wurde eben immer mutiger oder frecher, das Meer zog sich zurück und brauste nur ab und zu kurz auf, hinterließ aber keine nennenswerten Schäden. Bis auf diesen Winter. Nur kurz zeigte die Natur uns auf, wer Herr und wer Diener ist. Es wäre mein Wunsch, würden wir Menschen dies endlich respektvoll akzeptieren.


