27 Mai 2010

Türkische Gastfreundschaft – eine Selbstverständlichkeit

Posted by maria

Die Gastfreundschaft vergesst nicht, denn dadurch haben einige, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.

Hebräer 13,2

Ja, so fühlte ich mich, als ich zum ersten Mal Gast in einem türkischen Haus war. Und so fühle ich mich auch heute noch, wenn ich als Gast geladen werde.

Ich erinnere mich noch gut daran, als ich zum ersten Mal vor 25 Jahren die Türkei bereiste. Wir machten eine Wanderung ins bergige Hinterland an der Südküste. Schon von Weitem sahen wir ein einsam gelegenes Haus am Rande einer Schlucht. Wir bemerkten auch, dass vor dem Haus eine Person stand, die ständig mit den Armen gestikulierte, als ob sie jemandem eine Nachricht zukommen ließ, fühlten uns allerdings nicht angesprochen und liefen weiter. Plötzlich hörten wir Rufe und sahen wieder zu dem Haus hinüber. Jetzt erkannten wir, dass es ein Mann war, der uns aufforderte zu ihm hinüber zu kommen. Und wir gingen zu ihm und seinem Haus, denn wir dachten, es wäre vielleicht etwas passiert und er braucht Hilfe. Umso erstaunter waren wir, als er uns freundlich in englischer Sprache begrüßte, willkommen hieß und uns zu einem Tee einlud. Es wurde eine unvergessene Stunde im Kreis einer jungen Familie.

Das ist meine erste Erinnerung an türkische Gastfreundschaft und viele sollten noch folgen.

Wir wandern gerne in den Bergen und wann immer es sich bietet, rasten wir auf diesen Wanderungen in einem Bergdorf. Schon beim Eintritt ins Dorf wird man von den Bewohnern mit einem freundlichen „Hos geldiniz“ (Herzlich willkommen) begrüßt. Und auf dem Rundgang durch das Dorf kommt man schnell mit den Menschen ins Gespräch. Sie sind freundlich, offen, herzlich und bisweilen eben auch neugierig. Eigentlich ist neugierig der falsche Begriff, ich nenne es lieber „Anteilnahme“. Anteilnahme am Leben eines Menschen, eines Gastes. Dazu gehört dann, dass man den Gast gerne erzählen lässt und aufmerksam zuhört. So kann es schon sein, dass aus zuerst einem Gesprächspartner plötzlich mehrere werden, Stühle auf die Straße gestellt werden und von irgendwoher ein Tee gereicht wird. Man hat bei solch einer Gelegenheit den Eindruck, der Gast bereichert ihr Leben, sie gehen mit dem Gast auf eine kulturelle Reise. Und sie schenken ihm ihre Zeit und Zuwendung. Sie teilen Essen und Trinken und geben dem Gast großen Raum in ihrem Leben.

Wie sagt ein türkisches Sprichwort: Je enger die Gassen, desto weiter die Herzen.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich anfangs oft beschämt war über diese Gastfreundschaft. War ich es einfach nicht mehr gewohnt, die Selbstverständlichkeit, als Fremder so unvoreingenommen und freundlich als Gast behandelt zu werden. Keinen störte meine Kleidung. Keinen störte, dass ich vielleicht nicht so perfekt Türkisch sprach. Keinen störte, dass ich eine andere Religion habe, obwohl es am Kreuz an meiner Halskette sichtbar war. Im Gegenteil. Alle freuten sich, dass wir uns in ihrer Heimat niedergelassen haben.

Und das ist auch heute noch so.

Mittlerweile ist unsere Familie kein vorübergehender Gast mehr in diesem Land. Wir werden, obwohl wir noch nicht die türkische Nationalität angenommen haben, als einer von ihnen angenommen. Wir gehören einfach dazu, wie selbstverständlich. Wir sind jetzt „yerli“. Es ist ein Geben und Nehmen, von beiden Seiten.

Auch ich habe viel gelernt. Gelernt, Gäste aufzunehmen ohne zu hinterfragen, den Anderen so anzunehmen, wie er ist. Ich habe gelernt, wieder Gastgeber zu sein. Nicht nur, wenn ich den Gast kenne und ihn vorher einlade. Nein, auch bei mir ist jetzt Jeder willkommener Gast. Wie oft sitzen gerade im Sommer, bei großer Hitze, Leute am Straßenrand um sich auszuruhen, wird an der Straße gearbeitet, fragen Menschen nach einer Wohnung in der Gegend. Keiner geht weiter ohne Wasser oder Tee, etwas Ruhe und ein unterhaltendes Gespräch.

Ein guter Gastgeber zu sein, bedeutet auch, Freunde gewinnen, Vorurteile abzubauen, Vertrauen gewinnen, Vorbild sein.

Dies wurde in mir von einem Volk wieder geweckt, welches es selber oft leider schwer hat, Gast in der Fremde zu sein.

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