9 Apr 2011

Brief an einen besorgten Alteisenwarenhändler

Posted by maria

Sayın Hurdacı -

Sehr geehrter fahrender Eisenwarenhändler,

mit großer Überraschung, allerdings nicht unbedingt wohlwollend, habe ich nach meiner Rückkehr in mein heiß geliebtes Domizil festgestellt, dass Sie sich wohl um meine diversen Utensilien, die auf meiner Terasse standen, große Sorgen gemacht haben. Ich kann Ihnen aber versichern, diese Bedenken waren völlig unbegründet.

Natürlich kann ich verstehen, dass Sie sich um meine Gesundheit reichlich Gedanken machten, als Sie den fast neuen Edelstahlgrill auf Ihr Pferdefuhrwerk aufluden. Aber Sie dürfen mir glauben, auch ich mache mir hin und wieder Gedanken über mein leibliches Wohl. Mit diesem gehe ich mitnichten unverantwortlich um, auch wenn ich ab und zu gegrilltes Fleisch und Gemüse esse. Ich achte sehr wohl darauf, dass mein Fleisch nicht zu stark verbrennt und das Gemüse seinen wunderbaren Eigengeschmack beibehält. Dazu verwende ich eine zart gewürzte Marinade, angesetzt in erstklassigem Olivenöl, extra nativ natürlich und aus eigenem Olivenanbau – somit wäre auch der absolut biologische Anbau garantiert. Ihre Besorgnis über meine gesundheitsschädliche Ernährung wäre damit also ausgeräumt. Trotzdem danke ich für Ihre Fürsorglichkeit.

Noch nicht ganz durchschaubar für mich ist, warum Sie meinten, mein Fahrrad ist nicht mehr gut genug für mich. Ich gebe ja zu, es war nicht mehr das aller neueste Modell, es hatte schon weit über 20 Jahre auf dem Sattel, aber dennoch erfüllte es auf wundersame Weise immer noch seinen Dienst. Wir, das Fahrrad und ich, waren nach all den Jahren immerhin ein gut eingespieltes Team. Es bestand eine gewisse gegenseitige Verlässlichkeit, nein, es war mehr, es bestand eine völlig vertrauliche, fast schon intime Beziehung. Dafür, dass es mir so treu ergeben war, pflegte ich sein Äußeres wie eine ältere Dame ihre Hautfältchen. Jeder kleinste Rostansatz wurde kaschiert und poliert, so dass sein Aussehen um Jahre verjüngt wurde. Seinen Sattel habe ich immer wieder aufgepolstert, sämtliche Zahnrädchen und sonstige Gelenke mit Spezialöl behandelt, damit auch eine weitere Fahrt für meinen treuen Begleiter nicht zu anstrengend ward. Doch nun wurde diese innige Zweisamkeit durch Sie jäh unterbrochen. Wie es meinem lieben Drahtesel im Moment wohl geht? Sicher wird er auch mich vermissen, ich zumindest sehne mich nach ihm.

Was mir allerdings noch ein sehr großes Rätsel ist, ist eine weitere Entwendung Ihrerseits. Zu was bitteschön benötigen Sie ein quietschendes, verrostetes, völlig unfunktionelles, zum Teil deformiertes zweiteiliges Gartentürchen? Gut, es hatte keine große Funktion mehr, außer, dass es unliebsamen Besuchern klar machte, stopp, hier beginnt Marias Reich. Diese Tatsache hat Sie allerdings nicht davon abgehalten, dieses schwere Eisenteil aus allen vier Ankern zu wuchten und ebenfalls auf Ihr Fuhrwerk aufzuladen. Wollten Sie mir eventuell klar machen, dass es an der Zeit wäre, eine neue Pforte, vielleicht sogar größer, auf jeden Fall schöner, freundlicher, anzuschaffen? Gut, ich habe auch schon daran gedacht, mich von diesem wirklich nicht mehr zeitgemäßen Teil zu trennen, aber irgendwie hing mein Herz doch an ihm.

Auch wenn ich vielleicht irgendwann einmal mich dazu durchgerungen hätte, ein schönes neues Tor anfertigen zu lassen, hätte ich mich dennoch nicht vom alten getrennt. Es hätte gut in meinen wilden Garten gepasst, als Rankhilfe für den wilden Wein. Ich hätte es noch farblich passend zu meinen Kletterrosen anstreichen können, damit wäre sicher ein weiterer bunter Akzent in meiner grünen Laube gesetzt worden. Nun aber habe ich weder ein Tor noch eine Rankhilfe, vor meinem Haus gähnt ein großes Loch, das geradzu einladend auf jeden Langfinger wirkt.

Da ich annehme, dass Sie sicher aus reiner Fürsorge an meiner Person so bemüht sind, mich vor unnötigen oder gar schädlichen Gegenständen zu bewahren, wird mir Ihr Verhalten etwas erklärbar. Akzeptieren kann ich es allerdings nicht. Vielleicht hätten wir vorher miteinander darüber reden können? Ich mache mir nämlich ernsthaft Sorgen, worauf Sie wohl als nächstes Ihr Auge geworfen haben. Doch hoffentlich nicht auf mein niegel-nagel-neues, aus edelstem Blech gedecktes Hausdach?

Noch eine kleine Information an Sie: gestern kam meine beste Freundin Melek aus Deutschland hier an. Sie liebt es absolut nicht, wenn ihr fremde Personen einfach mein Grundstück betreten. Sie betrachtet es nämlich als ihr Territorium. Gut, sie würde Sie in meiner Abwesenheit sicher einlassen. Aber ich garantiere Ihnen, Sie könnten das Grundstück nicht mehr verlassen. Sie ist nicht nur schnell, sondern manchmal auch raffiniert und hinterlistig, weiblich eben. Ich pflege ihr Gebiss sehr gründlich. Sie erhält nicht nur regelmäßig noch fleischbestückte Rinderknochen, die sie in kürzester Zeit zu Mus zernagt, sie bekommt auch zusätzlich Vitamin D, damit ihre Zähne auch weiterhin kräftig zubeißen können.

Deshalb, in Ihrem Sinne, setzen Sie sich bitte bei weiterer Besorgmis um meine Person vorher mit mir in Verbindung. Wir können mit Sicherheit gemeinsam an einer Lösung unserer Probleme arbeiten.

Cok Selamlar,

Mit hochachtungsvollen Grüßen

Maria

PS: Heute kam ein weiterer Hurdacı bei mir vorbei, ich war allerdings gerade auf einem nachbarschaftlichen Plausch. Nur durch die laute Aufgeregtheit von Melek wurde ich auf ihn aufmerksam und sah, dass er nur noch mit einer halben Hose bekleidet, dafür aber spurtend, mein Grundstück verließ. Ich wollte ihm die zweite Hälfte seiner Hose, die Melek immer noch in ihrer Schnauze festhielt, noch geben, aber er wollte sie nicht haben …….

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