31 Jan 2012
Die Olivenernte – eine Kur für Körper, Geist und Seele
Zum letzten Mal die Netze ausgelegt und schon fast zärtlich die reifen Früchte vom Baum gestreichelt. Zum letzten Mal die prall vollen Säcke zur Olivenölpresse gefahren und am nächsten Tag die letzten Liter feinstes und edelstes Olivenöl abgeholt. Erdinc, unser „persönlicher Betreuer“ in der Ölfabrik, wird uns wohl vermissen, die Deutschen, die jeden Abend mit ihrem Ernteerlös glücklich strahlend vor seiner Ölpresse standen und auf ihre Bearbeitungsnummer warteten. Die Deutschen „haben fertig“, lieber Erdinc.

Alle lachten sie immer, wenn wir, Mann und Frau, noch dazu Ausländer, mit unseren zwei oder drei Säcken Oliven, selbstverständlich fein säuberlich von Blättern und Geäst getrennt, ankamen. Sie sind es anders gewohnt. Türken ernten in großen Scharen, mindestens 8 Leute, meist noch mehr, die dann geübt und flink an einem Tag die Menge ernten, für die wir eine ganze Woche brauchten. Und wenn noch zusätzlich Erntehelfer eingesetzt werden, ist der Anhänger eines Traktors noch lange vor Einbruch der Dunkelheit schnell mit vollen Säcken gefüllt. Die halten dann nicht stolz kleine Kanister bereit, in die das flüssige Gold abgefüllt werden soll, sondern sie haben große Bottiche, in die gut mal 1000 Liter passen. Deshalb sind in der Ölpresse solche Kunden, wie wir es waren, eine Rarität, und darum wird Erdinc uns vermissen.
Aber ich vermisse ihn und seine Ölfabrik auch. In der ich jeden Abend mit großer Neugier und erschöpften Gliedern den Umtrieb beobachtete, wie sie alle ankamen, die Großbauern, mit ihren unzähligen prall gefüllten und zugenähten Säcken, mit der Aufschrift „Ghana Cucoa Board – Produce of Ghana“. Von wegen Kakao aus Ghana. Das war vielleicht einmal. Jetzt waren Sie mit Oliven aus Akcay gefüllt, die Kakao-Säcke.

Jeden Abend beobachtete ich zum wiederholten Mal, wie die Oliven in das Wasserbad rollten und gewaschen wurden, die letzten verbliebenen Blätter vorher mit einem starken Luftsog von den Früchten getrennt wurden und diese ihren Weg zur Mühle antraten. Dort wurden sie mitsamt den Kernen zu einem groben Mus zermalmt und zur eigentlichen Presse weitergeschoben. Am Ende dieser Presse stand ich dann und staunte nicht schlecht, wie sich diese braune, zermanschte Masse, in eine goldgelbe, grasig duftende Flüssigkeit verwandelte und in einen großen Bottich floss.

Der ganze Ernteablauf ist eine über Wochen sich täglich wiederholende Zeremonie. Eine Herausforderung für den Körper, der wieder einmal all seine Muskeln in Bewegung setzen darf und gleichzeitig eine Erholung für Geist und Seele, die dem oft stressigen, hektischen und manchmal zermürbenden Alltag entfliehen dürfen und von einer weichen, in sich ruhenden Empfindung aufgefangen werden. Daher vermisse ich die Zeit der Stille, die mich meist den ganzen Tag umschloss, bis ich das Innerste aller Lasten ablegte und befreit den Moment genießen konnte.
Ich vermisse aber auch die Zeit, in der mich meine Füße abends nicht mehr tragen wollten und die Fußsohlen jedes Mal ein unüberhörbares Halleluja sangen, wenn ich meine Schuhe auszog.
Ich vermisse meinen ganz persönlichen, herb fruchtigen, nach Heu, Gras und Erde duftenden, leicht säuerlichen, Stallgeruch. Wie oft habe ich abends nach der Dusche noch einmal meine Nase in die abgelegte Kleidung gesteckt, um diese besondere Duftmischung aus Arbeit und Natur in meinem Hirn fest zu verankern.
Ich vermisse auch die absolute Müdigkeit, die keine Schäfchen zum Zählen benötigte, sondern die mich schnell in einen tiefen und erholsamen Schlaf beförderte.

Die Olivenernte ist die perfekte Arbeit, um all die aufgestaute Mühsal, die oft wie eine schwere Last auf den Schultern liegt, die Galle zum Überlaufen bringt oder den Magen abdrückt, wie von Zauberhand entweicht. Dafür nimmt eine innere Zufriedenheit überhand, die Verbundenheit zur Natur breitet sich aus und man begegnet ehrfurchtsvoll einem Baum, der schon seit Jahrhunderten für das Wohl vieler Generationen sorgt. Schon allein der Anblick solch eines Baumes, der zur Erntezeit unzählbar viele Früchte in einer wundersamen Farbenpracht trägt, lässt das Herz höher schlagen. Schon Vincent van Gogh versuchte, den Ölbaum zu beschreiben: “Die Ölbäume sind sehr charakteristisch, und ich gebe mir große Mühe, das einzufangen. Es ist Silber, das mal ins Blaue, mal ins Grüne spielt, bronzefarben und beinah weiß auf gelbem, rosa, violettem oder orangen Boden, der bis zum stumpfroten Ocker geht… Eines Tages mache ich vielleicht etwas ganz Persönliches daraus, wie ich es mit den Sonnenblumen für die gelben Töne gemacht habe.”
Damit diese Ölfrucht unverletzt geerntet werden kann, der Baum dabei nicht durch das Abreißen junger Triebe beschädigt wird und hochwertiges Olivenöl daraus gewonnen werden soll, muss man sich schon etwas in Geduld üben. Das heißt, beharrlich und unermüdlich, mit dem Hilfswerkzeug eines kleinen Rechens, sanft und ohne Hektik, Frucht für Frucht abrechen. Jeder Ast, jeder Trieb, bis zur Krone des Baumes, muss auf diese Art und Weise von seinen Oliven erlöst werden.

Gerade bei alten Bäumen kam ich während der Arbeit oft ins Sinnieren. Wer hat ihn wohl gepflanzt, vor vielleicht über 500 Jahren? Für seinen eigenen Wohlstand hat der Bauer ihn sicher nicht gepflanzt, diesen heute knorrigen aber stolzen Baum. Er hat ihn für das Wohl seiner Kinder eingesetzt, dass sie einmal von der reichen Ernte, die meist erst nach 20 Jahren Wachstum eintritt, profitieren sollen. So, wie es vermutlich sein Vater und dessen Vater schon immer so gemacht haben, wollte auch er für eine gute Zukunft seiner Kinder sorgen. Doch mit welcher Mühsal hat er hier wohl gearbeitet, an diesem steilen Hang, dessen Boden von Millionen Steinen übersät ist. Wie mühevoll muss die Bearbeitung von diesem Fleckchen Erde wohl gewesen sein. Ohne Gerätschaften, wie wir sie heute kennen. Das verlangte von Beginn an viel Geduld, der Tugend, die sich über die Jahrhunderte weg nicht verändert hat und bis zum heutigen Tag erforderlich ist, um feinstes grünes Gold in Flaschen abzufüllen.
Wäre ich Arzt, der einen ausgelaugten Patienten vor sich hat, würde ich ihn zur Kur schicken. Als Erntehelfer zu einem Olivenbauern. Ich bin absolut überzeugt, er käme als Mensch zurück, der sich und sein Umfeld mit anderen Augen betrachten wird. Der die Dinge mit einem neuen Maßstab bewerten und dabei auch mehr Gelassenheit an den Tag legen wird.


Hallo, Henriette!
Ein schöner Artikel! Vielen Dank dafür.
Johannes Flörsch
Januar 31st, 2012 at 14:08permalink
Nicht nur die Olivenernte, auch der Artikel war gerade eine Kur für Körper, Geist und Seele.
Weiter so!
Sandra Gau
Februar 6th, 2012 at 12:01permalink
Hallo Maria,
das liest sich irgendwie endgültig..
Ich hoffe sehr, daß du den Blog weitferführst und ich mich getäuscht habe.
Jeder Beitrag ist einmalig schön und ich freu mich immer, wenn du wieder geschrieben hast. Auch wenn ich soo lange warten musste.
Alles Gute! Brigitte
Brigitte
Februar 9th, 2012 at 12:52permalink
Danke Johannes, dass dir mein Artikel gefallen hat.
LG Henriette Maria
maria
Februar 9th, 2012 at 16:38permalink
Hallo Brigitte,
))
neeeiiiin, der Blog ist nicht endgültig. Nur die Olivenernte war nach Wochen abgeschlossen, aber ich bleibe der Türkei, voran Akcay und Istanbul, erhalten.
Ich will mich 2012 anstrengen, mehr zu schreiben. Auch vom ganz normalen Alltag mit all seinen Höhen und Tiefen, möchte ich mehr berichten. Ich habe deshalb einen Antrag an höhere Stelle gerichtet, den Tag auf 48 Stunden zu erweitern
Liebe Grüße
Maria
maria
Februar 9th, 2012 at 16:45permalink
Hallo Maria,
)) Ich wünsche mir, dass Du noch mehr Zeit zum Schreiben findest.
ja, Dein Artikel ist wirklich eine Bereicherung für uns. Wie lebst Du? Wie läuft Dein Tag ab? Wurde Dein Antrag gehört?
Liebe Grüße Emel
Emel
Mai 1st, 2012 at 15:11permalink
Hallo Maria, vielen Dank für deinen Artikel. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Olivenernet ein fast schon spirituelles Erlebnis ist und der gestresste Geist seinen Frieden findet.
Viele Grüße
Oida
Türkei Fan Oida
Juni 8th, 2012 at 19:53permalink